Der »italienische Oskar Schindler«. Ein Gerechter unter den Völkern, der während des Holocaust für die Rettung von Juden sein Leben ließ und zum Märtyrer wurde, den die Kirche seligsprach.
Im Zweiten Weltkrieg schwebte jeder, der Juden half, in Lebensgefahr - ebenso seine Familienangehörigen. So erging es Edoardo Focherini, der für seine Hilfe für Juden mit dem Leben bezahlte. Dafür wurde er als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet und von der Kirche als Märtyrer anerkannt.

Familie, Freiwilligenarbeit und Journalismus
Edoardo Focherini wurde 1907 in der norditalienischen Kleinstadt Carpi in eine katholische Familie hineingeboren, die in der Gemeinde als gute Familie bekannt war. Schon mit 17 Jahren engagierte er sich ehrenamtlich für Waisenkinder. Im selben Jahr gehörte er zu den Initiatoren und Gründern von »L'aspirante«, der ersten katholischen Kinderzeitung. Maria lernte er kennen, als er in Trient in Norditalien Urlaub machte. Die beiden katholischen Christen teilten dieselben Werte, verliebten sich und heirateten 1930. Sie bekamen sieben Kinder.
Seinen Lebensunterhalt verdiente Focherini als Inspektor bei der katholischen Versicherungsgesellschaft von Verona; seine Freizeit widmete er Aktivitäten im Rahmen der Kirche. Er gründete eine Radfahrergruppe und förderte die Pfadfinderbewegung in Carpi. Es schien, als sei die Arbeit sein Hobby und als wären seine ehrenamtlichen Aktivitäten in der Gemeinde sein eigentlicher Beruf.
1939 wurde er Verwaltungsleiter der Zeitung »L'Avvenire d'Italia«, deren Redaktion in Bologna saß. Ein Jahr zuvor war der jüdische Journalist Giacomo Lampronti zur Redaktion gestoßen. Er war wegen seiner jüdischen Herkunft an seiner früheren Arbeitsstelle entlassen worden. Die beiden wurden gute Freunde.
Die Rettung von Juden und Schmuggel
Focherini wusste von den Aktivitäten Nazi-Deutschlands in Europa und insbesondere in Italien, das bereits 1938 die Rassengesetze eingeführt und die Rechte der Juden eingeschränkt hatte. Später begann die italienische Regierung, Juden zu verfolgen und an die Nationalsozialisten auszuliefern. Er beschloss, den Juden zu helfen, obwohl er wusste, dass er damit sein Leben und das seiner Familie aufs Spiel setzte. Kardinal Pietro Boetto bat Raimondo Manzini, den Chefredakteur der Zeitung, Juden zu helfen, die aus Polen geflohen waren. Manzini wandte sich an Focherini und bat ihn, diese Aufgabe zu übernehmen. Als 1942 jüdische Flüchtlinge aus Polen in Genua ankamen, war Focherini von ihrem Zustand erschüttert und besprach mit seiner Frau, ob er das Risiko eingehen sollte, ihnen zu helfen. Sie unterstützte ihn, und er besorgte gefälschte Papiere für sie und schmuggelte sie in die Schweiz. Ein Jahr später beschaffte er gefälschte Papiere für die Familie seines Freundes Giacomo Lampronti und verhalf ihm und seiner Familie zur Flucht aus Italien unter der Herrschaft des faschistischen Diktators Benito Mussolini, eines engen Freundes Hitlers.
Focherini und sein treuer Freund Don Dante Sala, Pfarrer der Gemeinde San Martino, der später ebenfalls als Gerechter unter den Völkern anerkannt wurde, bauten ein Netzwerk von Dokumentenfälschern auf. Sie versorgten Focherini mit leeren Ausweisen, in die er deutsche arische Namen eintrug und die Fotos der Flüchtlinge klebte. Focherini und Sala fuhren die Juden an die Schweizer Grenze, wo sie mithilfe von Schmugglern in Sicherheit gebracht wurden. Focherini kümmerte sich um die Flüchtlinge, bis sie Italien hinter sich gelassen hatten, und fand für sie Zuflucht in katholischen Einrichtungen und Klöstern. Dafür reiste er kreuz und quer durch die meisten italienischen Städte. So gelang es ihm, 105 Juden zu retten.
Eine der Tageszeitungen in Modena arbeitete mit den Behörden zusammen und begann, Juden zu denunzieren. Die Menschen, deren Namen in der Zeitung erschienen, waren in unmittelbarer Lebensgefahr. Focherini half der jüdischen Gemeinde, den Redakteur der Zeitung zu bestechen, damit er ihre Namen nicht veröffentlichte und diejenigen nicht denunzierte, die ein Versteck gefunden hatten.
Die Haft und die Anerkennung
Im März 1944 gelang es Focherini, den Bruder seines jüdischen Journalistenfreundes Giacomo Lampronti zu retten, Dr. Donati Lampronti. Dr. Lampronti täuschte eine Krankheit vor, die eine Operation in Capri erforderlich machte. Von dort gelang ihm die Flucht nach Mailand und über die Grenze in die Schweiz. Nach dieser Aktion wurde das Schmugglernetzwerk aufgedeckt und die Nationalsozialisten verhafteten Focherini und Sala. Der Priester wurde freigelassen, Focherini jedoch ins Gefängnis Monte in Bologna gebracht, wo er ohne Gerichtsverfahren inhaftiert blieb.
Sein Schwager, der ihn im Gefängnis besuchte, sagte zu ihm: »Sei vorsichtig, vielleicht setzt du dich zu sehr aufs Spiel. Denkst du nicht an deine Kinder?« Edoardo Focherini antwortete: »Wenn du sehen würdest, was ich in diesem Gefängnis gesehen habe, all das Leid, das sie den Juden zufügen, dann würdest du nur eines bereuen: dass du nicht genug für sie getan und nicht noch mehr von ihnen gerettet hast.« Dieser Satz wurde an der Gedenkwand im Historischen Museum von Carpi verewigt.
Aus dem Gefängnis Monte wurde Edoardo Focherini ins Konzentrationslager Fossoli gebracht. Während seiner Zeit im Lager gelang es ihm, 166 Briefe an seine Familie zu schmuggeln. Die Briefe wurden gesammelt und 1994 als Buch veröffentlicht. Darin schilderte er seine Schwierigkeiten, seine große Sehnsucht nach seiner Frau und seinen Kindern und seine Sorge darüber, sie in einer schwierigen Lage allein zurückgelassen zu haben. Im September 1944 kam er nach mehreren Konzentrationslagern in das Lager Hersbruck nördlich von Hamburg, wo er im Alter von 37 Jahren starb.
Vor seinem Tod gelang es ihm, zwei Briefe zu schreiben: »An meine sieben Kinder ... Ich würde sie gerne vor meinem Tod sehen ... Doch nimm, mein Herr, auch dieses Opfer an und beschütze sie zusammen mit meiner Frau, meinen Eltern und allen, die ich liebe.«
Außerdem schrieb er: »Ich erkläre, dass ich im reinsten katholischen Glauben und in vollständiger Erfüllung des Willens Gottes sterbe und mein Leben wie ein Lamm für meine Diözese, für die Katholische Aktion, für den Papst und für die Rückkehr des Friedens in die Welt hingebe. Ich bitte euch, meiner Frau zu sagen, dass ich ihr immer treu war, immer an sie gedacht und sie immer sehr geliebt habe.«

Erst am Heiligabend, ein halbes Jahr nach seinem Tod, erhielt seine Familie die schlimme Nachricht. Edoardo Focherinis Leichnam wurde nie gefunden. Doch sein Ehering, den er vor den Nationalsozialisten hatte verbergen können, wurde aus dem Gefängnis geschmuggelt und seiner Frau übergeben.
Sein Freund, der Journalist Giacomo Lampronti, der auch nach Focherinis Verhaftung weiter Juden aus dem Land schmuggelte, überlebte den Holocaust und schrieb ein Buch über Focherini und seine Rettungsaktionen: »Mein Bruder Edoardo« (Mio Fratello Odoardo). Ein Enkel Focherinis erzählte: »Einer der Juden, die er gerettet hat, sagte: ›Wir sind Edoardo Focherinis Wunder‹. Sie sahen in ihm immer ihren Retter und Engel.«
1996 leitete die katholische Kirche ein Verfahren ein, um ihn als Märtyrer seligzusprechen. Das Verfahren wurde im Juni 2013 auf der Piazza Martiri in Carpi abgeschlossen, wo die offizielle Seligsprechungszeremonie stattfand. Sie wurde von Kardinal Angelo Amato geleitet, der über ihn sagte: »Ein unvergessliches Beispiel für einen guten Christen, das auch heute für die Kirche bedeutsam bleibt. Dieses Zeugnis von Licht und Mut erinnert alle an einen Menschen, der sich wie Jesus für die Rettung seiner Brüder opferte.«
1968 wurden Edoardo Focherini und der Priester Don Dante Sala als Gerechte unter den Völkern anerkannt.
1955 wurde Focherini mit der »Goldmedaille« des Verbands der jüdischen Gemeinden Italiens ausgezeichnet. Die Medaille wurde seiner Frau überreicht. Bei der feierlichen Zeremonie hieß es: »Focherini setzte sich lange und unermüdlich dafür ein, Juden zu helfen und insbesondere diejenigen zu retten, die verfolgt wurden ... Focherinis Andenken und seine Liebe zum Leben werden nicht vergessen werden, und die Erinnerung wird auch für künftige Generationen eine Quelle der Inspiration bleiben. Focherini war ein mutiger Mensch mit hohen Werten und edlen Grundsätzen, der für seine Ideale mit dem Leben bezahlte.«
Vier Straßen in Gemeinden der Provinz Modena sowie eine weiterführende Schule und eine Grundschule wurden nach Edoardo Focherini benannt.





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