"Die Welt ist ein gefährlicher Ort zum Leben, nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen derer, die nichts dagegen unternehmen" (Albert Einstein).
Eduard Schulte
Die Nachrichten über den funktionierenden nationalsozialistischen Vernichtungsapparat, die aus Deutschland nach außen drangen, waren spärlich und stießen auf Unglauben. Im August 1942 trafen zwei Berichte von Deutschen ein, die Zeugen der Massenmorde gewesen waren. Der eine kam am 20. August und stammte von dem SS-Offizier Kurt Gerstein, der nach seiner Rückkehr aus Treblinka dem schwedischen Diplomaten Göran von Otter über das Geschehen berichtete und ihn bat, die Informationen weiterzugeben. Ein weiterer Bericht traf am 8. August als Telegramm ein, das den Namen "Riegner-Telegramm" erhielt.
Das Telegramm, das vor der Vernichtung warnte
So lautete der Text des Telegramms: "Es ist eine alarmierende Meldung eingegangen, wonach im Führerhauptquartier ein Plan erörtert und erwogen wird, alle Juden in den von Deutschland besetzten oder kontrollierten Ländern zu beseitigen, dreieinhalb bis vier Millionen. Sie sollen auf einen Schlag liquidiert werden, nachdem sie in den Osten deportiert und dort zusammengetrieben worden sind, um die Judenfrage in Europa ein für alle Mal zu lösen. Der gemeldete Plan ist für den Herbst vorgesehen. Es heißt, zu den geplanten Methoden gehöre der Einsatz von Blausäure. Wir leiten die Information mit allen gebotenen Vorbehalten weiter, da sich ihre Richtigkeit nicht bestätigen lässt. Es wird behauptet, der Informant habe enge Verbindungen zu den höchsten deutschen Behörden und seine Berichte seien in der Regel zuverlässig." Riegner übergab das Telegramm dem stellvertretenden amerikanischen Konsul in Genf, von wo aus es an die Außenministerien in Washington und London weitergeleitet wurde.

Es dauerte 38 Jahre, bis die Identität des Informanten bekannt wurde. "Der Informant hat enge Verbindungen zu den höchsten deutschen Behörden." Einzelheiten kamen in dem Buch "The Terrible Secret" ans Licht, das der jüdisch-amerikanische Historiker Walter Laqueur verfasste und in dem er beschreibt, wie die Endlösung der Welt bekannt wurde. Laqueur erzählte, dass der Erste, der die Informationen von der zuverlässigen Quelle erhielt, ein jüdischer Geschäftsmann namens Isidor Koppelman war, der mit der Quelle Geschäfte machte. Koppelman gab die Informationen an einen anderen Juden namens Benjamin Sagalowitz weiter, der das Informationsbüro der jüdischen Gemeinden in der Schweiz leitete. Sagalowitz übermittelte die Informationen an Gerhart Riegner, den Vertreter des Jüdischen Weltkongresses in der Schweiz. Der 31-jährige Riegner war promovierter Jurist und ein Flüchtling aus Berlin. Er erkannte, wie brisant die Informationen waren, die ihn erreicht hatten. Er informierte Howard Elting, den stellvertretenden amerikanischen Konsul in Genf, und bat ihn, die Informationen an das amerikanische Außenministerium und an Rabbi Stephen Wise weiterzuleiten, einen der führenden Vertreter des amerikanischen Judentums. Elting telegrafierte die Informationen an das Außenministerium und merkte an, Riegner habe die Zuverlässigkeit der Quelle betont. Die Quelle der Informationen war ein deutscher Industrieller namens Eduard Schulte.
Der Industrielle, der sich Hitler widersetzte
Am 20. Februar 1933 traf Adolf Hitler sich heimlich mit rund 20 führenden deutschen Industriellen in der prunkvollen Berliner Residenz von Hermann Göring, einem der führenden Vertreter von Hitlers Regime und späteren Oberbefehlshaber der Luftwaffe, um Geld für die NSDAP aufzutreiben. Drei Wochen zuvor hatte der greise und kranke Präsident Paul von Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannt. Der Einzige, der sich weigerte, auch nur eine einzige deutsche Mark zu spenden, war Eduard Schulte, damals einer der führenden Industriellen Deutschlands. Mit Entsetzen sah er der Zukunft des Landes entgegen, das er liebte, und sagte voraus, Hitler, seine Gefolgsleute und die übrigen Teilnehmer des Treffens würden Deutschland ins Verderben führen.
Eduard Schulte wurde in Düsseldorf in eine wohlhabende Familie hineingeboren, die eine Kunstgalerie betrieb. Zur Zeit des Treffens in Hermann Görings Haus war er Geschäftsführer der Firma Giesche, des größten Zinkproduzenten Europas. Sein Stellvertreter Otto Fitzner war ein hochrangiges Mitglied der NSDAP und gehörte zur Parteiführung. Der Firmensitz befand sich in Breslau, damals in Deutschland und heute Wrocław in Polen, und die Werke des Unternehmens waren über Polen und Deutschland verteilt. Das NS-Regime maß der Zinkproduktion große Bedeutung bei, da Zink ein wichtiger Bestandteil der Stahlherstellung war. Dies trug zur Expansion des Unternehmens bei.
Als Hitler an die Macht kam, fasste Schulte aus patriotischen Motiven den Entschluss, gegen ihn vorzugehen - eine Entscheidung, die sein Leben in Gefahr brachte. Schultes Idee war, den Amerikanern Informationen zu übermitteln, damit sie den Sturz Hitlers herbeiführen konnten. Zu diesem Zweck knüpfte er in der Schweiz Kontakte zum amerikanischen Nachrichtendienst und zu Allen Dulles, einem Mitarbeiter des OSS, des amerikanischen Office of Strategic Services, dem Vorläufer der CIA. Während des gesamten Krieges übermittelte Schulte den Amerikanern Informationen über Kriegspläne und die V-1- und V-2-Raketenprogramme.
Ende Januar 1942 trat eine Konferenz zusammen, an der Vertreter aller Ministerien der NS-Regierung teilnahmen. Bei dieser Sitzung wurde die "Endlösung" vorgestellt, die den Einsatz von Juden als Zwangsarbeiter und die Ermordung aller Juden in ganz Europa vorsah. Die Konferenz war streng geheim und wurde nach der Villa, in der sie stattfand, "Wannseekonferenz" genannt. Die Villa liegt im Berliner Vorort Wannsee.
Mit der Umsetzung der "Endlösung" waren die SS und ihr Anführer Heinrich Himmler betraut. Im Juli 1942 kam Himmler nach Auschwitz, um sich nach dem Stand des Plans zu erkundigen und der Ermordung von 449 Juden beizuwohnen, die aus den Niederlanden angekommen waren. Von Auschwitz aus fuhr er zu einem Essen in einer Villa in Kattowitz, die der Firma Giesche gehörte. Eingeladen hatte ihn Otto Fitzner, Eduard Schultes Stellvertreter. Am nächsten Tag prahlte Otto Fitzner gegenüber Eduard Schulte mit seinem Wissen um das Geheimnis der "Endlösung". Zwei Wochen später saß Schulte bereits im Zug von Breslau in die Schweiz, um die Informationen an jüdische Organisationen weiterzugeben. So erfuhren diese Organisationen zum ersten Mal von dem Plan der "Endlösung", alle Juden Europas mit Zyklon B zu ermorden.
Das "Riegner-Telegramm" wurde den Amerikanern und Briten zwar zur Kenntnis gebracht, doch sie unternahmen nichts, und die Vernichtungsaktionen gingen in rasendem Tempo weiter. Etwa zwei Jahre nach dem Telegramm, im April 1944, flohen zwei Häftlinge aus dem Lager Birkenau, wo sie zwei Jahre lang gearbeitet hatten. Sie gelangten in die Slowakei und berichteten von den Vorgängen im Vernichtungslager. Ihr Bericht war erschütternd. Jüdische Persönlichkeiten wandten sich an die Regierungen der USA und Großbritanniens und baten darum, die Vernichtungslager und die zu ihnen führenden Eisenbahnlinien zu bombardieren. Die Amerikaner lehnten ab und begründeten ihre Weigerung mit der Behauptung, die Bombardierung würde den Tod der Lagerhäftlinge verursachen und unschuldige Zivilisten in der Umgebung könnten zu Schaden kommen. Das hinderte sie nicht daran, kurze Zeit später zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abzuwerfen.
1941 trafen die ersten bruchstückhaften Nachrichten über die Ermordung der Juden in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten der Sowjetunion in Eretz Israel ein. Im Laufe des Jahres 1942 nahm der Nachrichtenstrom zu. Zunächst zweifelte man an der Glaubwürdigkeit der eingehenden Berichte, und die hebräische Presse versah sie mit dem Hinweis, dass sie nicht bestätigt seien. "Man glaubte mir nicht ... Man stellte Fragen und verhörte mich, als wäre ich ein Verbrecher ... Woher weißt du das? Was ist an den anderen Orten geschehen, während du in deinem Ghetto eingesperrt warst? Woher weißt du es? Was ist mit den Juden geschehen, die deportiert wurden, wo du doch nicht dort warst?" So berichtete Yaakov Kurtz in seiner Aussage noch während des Holocaust.
Erst gegen Ende des Jahres 1942 veröffentlichten die Regierungen der Alliierten eine gemeinsame Erklärung, die zur gleichen Zeit in Moskau, London und Washington erschien und die Vernichtung der Juden Europas thematisierte. Darin hieß es, Hunderttausende Juden seien ermordet worden, obwohl die Zahl der Ermordeten bereits in die Millionen ging. In der Erklärung verpflichteten sich die Regierungen der Alliierten, die für dieses Verbrechen Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Das Geheimnis, das nach dem Krieg enthüllt wurde
Gegen Ende des Jahres 1943 erkannte Eduard Schulte, dass die Gestapo ihm auf der Spur war. In letzter Minute floh er mit seiner Frau nach Zürich in der Schweiz, ließ aber seinen Sohn zurück, der in der Wehrmacht diente. In Zürich arbeitete Schulte mit Allen Dulles und einer Gruppe von Gegnern Deutschlands daran, nachrichtendienstliche Daten zu sammeln und auszuwerten. Nach dem Krieg kehrte Schulte nach Berlin zurück und begann, für die amerikanische Militärverwaltung in Berlin zu arbeiten. Er erwartete, dass man ihm eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau Deutschlands anbieten würde. Als er jedoch begriff, dass er in Deutschland als Verräter unerwünscht war und ihm die Stelle, die er sich gewünscht hatte, nicht angeboten wurde, kehrte er in die Schweiz zurück und kam nie wieder nach Deutschland. Nach dem Krieg schwieg Schulte; auch Riegner weigerte sich, den Namen desjenigen preiszugeben, der ihm die Informationen übermittelt hatte.
Eduard Schulte starb 1966 im Alter von 75 Jahren in Zürich, weitgehend unbekannt. Dass er hinter dem "Riegner-Telegramm" stand, wurde erst 20 Jahre nach seinem Tod enthüllt. 1986 veröffentlichten Walter Laqueur und Richard Breitman eine Biografie über Schulte mit dem Titel "Breaking the Silence". Das Buch erschien auch in hebräischer Übersetzung.
Noch im selben Jahr, nachdem die Identität der Quelle bekannt geworden war, beschloss die Kommission zur Anerkennung der Gerechten unter den Völkern von Yad Vashem, Eduard Schulte den Ehrentitel "Gerechter unter den Völkern" zu verleihen, "weil er während der Schoa in Europa sein Leben aufs Spiel setzte, um verfolgte Juden zu retten". Die Auszeichnung wurde seiner Enkelin Priscilla Schulte, Professorin für Anthropologie und Soziologie, in einer feierlichen Zeremonie überreicht.
Mit ihren Aussagen riskierten Kurt Gerstein und Eduard ein Todesurteil und bewiesen außergewöhnlichen Mut. Ihre Treue zu Deutschland bedeutete ihnen nichts im Vergleich zu den moralischen Werten, denen sie sich verpflichtet fühlten.





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