Sie gehörte zu den ersten Ärztinnen im Land und behandelte die meiste Zeit ihres Lebens Kinder - doch ausgerechnet sie starb ohne eigene Kinder.
Bis ins 19. Jahrhundert war der Arztberuf ausschließlich Männern vorbehalten. Frauen arbeiteten in der Krankenpflege und Geburtshilfe, durften aber an den Universitäten der Welt nicht Medizin studieren. Der Gedanke, eine Frau könne allein leben und gemeinsam mit Männern Anatomie lernen, löste damals Entsetzen aus. Zudem wurden die intellektuellen und körperlichen Fähigkeiten von Frauen für ein Medizinstudium angezweifelt. Wie haltlos diese Auffassung war, zeigen die Geschichten des irischen Soldaten James Barry und von Elizabeth Blackwell.
Dr. James Barry wurde 1789 geboren. Er studierte Medizin an der Universität Edinburgh und diente nach seinem Abschluss in Südafrika als Chirurg, wo er bis zum Brigadegeneral aufstieg. Dr. Barry führte den ersten Kaiserschnitt in Afrika durch. 1864 trat Barry aus der Armee aus und kehrte nach England zurück; ein Jahr später starb er. Barrys letzter Wunsch war, in den Kleidern begraben zu werden, die er bei seinem Tod tragen würde. Doch die Haushälterin, die seinen Leichnam für die Bestattung vorbereitete, missachtete diesen Wunsch und war überrascht, vor sich den Körper einer Frau zu sehen - mehr noch: den einer Frau, die bereits ein Kind geboren hatte. Trotzdem wurde der Leichnam in London als Mann unter dem Namen James Barry beigesetzt. James Barry war als Mädchen unter dem Namen Margaret Ann Bulkley geboren worden und hatte beschlossen, seine Identität zu ändern, um sich für ein Medizinstudium einschreiben und eine Laufbahn als Chirurg fortsetzen zu können.
Als Erste durchbrach die Britin Elizabeth Blackwell offiziell diese Schranke. 1849 erhielt sie in New York den Doktortitel. Sie wurde „Mrs. Blackwell, die Löwin“ genannt. Trotz aller Schwierigkeiten konnte sie ihr Medizinstudium abschließen, weil bei der Einschreibung ein Fehler unterlief: Wer sie aufnahm, hatte nicht für möglich gehalten, dass eine Frau es wagen würde, sich für das Studium einzuschreiben.
Der Weg der Frauen in die Medizin
In den islamischen Ländern war die Lage noch schlechter. Doch ausgerechnet dort wurde Helena Kagan geboren, die Heldin unserer Geschichte.
Dr. Helena Kagan war eine beeindruckende Erscheinung. Groß gewachsen und selbstbewusst, erreichte sie still und klug alles, was sie sich vornahm. Schon zu Beginn ihrer Tätigkeit wurde sie zur Legende. Sie erlangte große Bekanntheit in Zeitungen in England und den USA; im Land nannte man sie „Retterin der Kinder“. In der Zeitung Hamodia stand: „Es gab in Jerusalem keinen Menschen, der nicht von der Wunderärztin gehört hatte, und kein krankes Kind, das nicht zu ihr gebracht worden wäre, wenn der Verdacht auf eine schwere Krankheit bestand.“ Den größten Teil ihres Lebens verbrachte sie in der Prophetenstraße in Jerusalem: zu Hause und in den verschiedenen Krankenhäusern, in denen sie arbeitete.
Jugend und Studium in Europa
Helena wurde in Taschkent, Usbekistan, geboren. Ihre Mutter Miriam war eine begabte Musikerin aus Riga, ihr Vater Mosche Zalman ein aus Lettland stammender Chemiker und Nachfahre des Gaon von Wilna (Gra). Aufgrund eines Arbeitsangebots, das der Vater erhalten hatte, war das Ehepaar Kagan gemeinsam mit seinem ältesten Sohn Noah nach Usbekistan gekommen. Zwei Jahre später wurde Helena geboren.
Damals war der größte Teil der Bevölkerung Usbekistans muslimisch, und für die jüdische Minderheit war es schwierig, eine höhere Bildung zu erhalten. 1905 begann Noah, Helenas älterer Bruder, sein Medizinstudium in Breslau. Später wanderte er ins Land Israel aus und arbeitete als Arzt bei einer Krankenkasse in Haifa. Noah heiratete Rachel Cohen (Loversky), die eine enge Freundin der Dichterin Rachel und eine der beiden Frauen war, die die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten. Die andere war Golda Meir.
Mit sechzehn reiste Helena in die Schweiz, um am Konservatorium in Bern Klavier zu studieren. Wegen ihres jungen Alters konnte sie sich nicht als reguläre Studentin für ein Medizinstudium einschreiben. Deshalb meldete sie sich als Gasthörerin an und nahm als externe Studentin an den vorklinischen Kursen teil. 1910 schloss Kagan im Alter von 21 Jahren ihr Medizinstudium an der Universität Bern ab und widmete weitere drei Jahre der Spezialisierung auf Kinderheilkunde. Ihre herausragenden Leistungen erregten die Aufmerksamkeit des Forschungsteams des Physiologischen Instituts, das ihr anbot, sich ihm anzuschließen. Ein solches Angebot an eine Frau war damals höchst ungewöhnlich, umso mehr an eine jüdische Frau. Helena kehrte nach Russland zurück, um sich mit ihrem Vater zu beraten, der bereits im Sterben lag. Ihr Vater bat sie, vor einer Entscheidung nach Eretz Israel zu reisen, damit sie seinen Traum von einem Besuch im Land verwirkliche. Nach dem Tod ihres Vaters kehrte Helena nach Bern zurück, lehnte das Arbeitsangebot des Physiologischen Instituts ab und beschloss, nach Eretz Israel zu reisen - nicht zu Besuch, sondern mit dem Ziel, sich dort dauerhaft niederzulassen.
1872 wurde das Kinderkrankenhaus Marienstift gegründet, das erste Kinderkrankenhaus in Jerusalem und im gesamten Nahen Osten und eines der ersten seiner Art weltweit. Gegründet wurde es von Dr. Max Sandreczky, einem deutschen Kinderarzt und Chirurgen. Sandreczky war mit seiner Mutter ins Land gekommen und später, als er erwachsen war, nach Deutschland gereist, um Medizin zu studieren. Nach seiner Rückkehr eröffnete er gemeinsam mit seiner Frau Johanna das einzige Kinderkrankenhaus im Land. Das Gebäude, in dem das Krankenhaus untergebracht war, steht noch heute in der Prophetenstraße 29 in Jerusalem. Wenige Monate nach Dr. Sandreczkys Tod im Jahr 1899 wurde das Krankenhaus geschlossen, da seine Frau es nicht weiterführen konnte. Im selben Jahr wanderte Vera Weizmann, die spätere Frau des Staatspräsidenten Chaim Weizmann, ins Land ein. Sie war die erste Kinderärztin im Land.
Der Kampf um Arbeit in Jerusalem
Im April 1914 kamen Dr. Helena Kagan und ihre Mutter nach Tel Aviv, und Helena bat darum, als Ärztin arbeiten zu dürfen. Später erzählte sie: „Man sagte mir, ich solle zu Dr. Puchowski gehen, dem damals bekannten und berühmten Arzt, damit er mir Ratschläge gebe. Als ich zu ihm kam, war seine erste Frage: ‚Warum sind Sie hierhergekommen?‘ Ich sagte ihm, dass ich arbeiten wolle. Seine Antwort war alles andere als ermutigend: ‚Wir haben hier insgesamt nur ein paar Familien und sechs Ärzte. Glauben Sie, dass wir noch einen Arzt brauchen?‘ Außerdem sagte er mir, ich müsse in Konstantinopel eine medizinische Prüfung auf Türkisch ablegen. Ich fragte ihn, ob er solche Prüfungen abgelegt habe. Als er bejahte, fragte ich: ‚Wenn ja, warum glauben Sie dann, dass ich das nicht schaffen kann?‘“
Als sie erkannte, dass sie in Tel Aviv keine Arbeit finden würde, zog sie nach Jaffa, erkrankte dort jedoch an Ruhr. Nach ihrer Genesung beschloss sie, nach Jerusalem zu ziehen, und traf Dr. Ömer Bey, den türkischen Direktor des öffentlichen Gesundheitsdienstes und Verantwortlichen für die Zulassungsprüfungen im Auftrag der osmanischen Regierung. Als er erfuhr, warum sie gekommen war, sagte er zu ihr: „Bei uns in der Türkei studieren Frauen keine Medizin, und man wird einer ausländischen Frau nicht erlauben, etwas zu tun, was unsere Frauen nicht tun.“ Trotzdem - und gerade auch ermutigt durch Dr. Bey, der von ihrer fachlichen Kompetenz beeindruckt war - weigerte sich Helena, aufzugeben, und beschloss, ohne Zulassung zu arbeiten!
Sie kaufte ein Steinhaus in der Habashim-Straße, die damals das Zentrum des intellektuellen Lebens war. In dieser Straße wohnten die Ärzte und Honoratioren Jerusalems, und etliche Konsulate hatten dort ihren Sitz. „Für mich ist Jerusalem ein Privileg. Die Menschen kommen hierher, um in der Heiligen Stadt zu sterben; ich bin hierhergekommen, um zu arbeiten“, sagte sie. Anfangs kamen keine Patienten - sowohl weil sie eine Frau war als auch wegen ihres jungen Alters. Die Ärzteschaft unterschied damals nicht zwischen Erwachsenen und Kindern und fragte verwundert: „Ist es denn nicht künstlich, Kinder und Erwachsene voneinander zu trennen, die sich nur körperlich unterscheiden?“
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs herrschte im Land ein akuter Ärztemangel, da einige von ihnen in ihre Heimatländer zurückgekehrt waren, um sich am Krieg zu beteiligen, während die übrigen in die türkische Armee eingezogen wurden. Helena und ihre Mutter sollten als ausländische Staatsangehörige ausgewiesen werden. Der Ärztemangel veranlasste den damaligen Jerusalemer Arzt Dr. Kamal Bey al-Husseini aus der bekannten Familie al-Husseini, für beide eine Aufenthaltsgenehmigung im Land zu organisieren. Er überwies Patienten an Helena und sorgte außerdem dafür, dass sie als Krankenschwester im städtischen Krankenhaus angestellt wurde, wo sie für die Ausbildung der Krankenschwestern zuständig war. Die Lage im Krankenhaus war schwierig, nachdem ein Teil der Belegschaft an ansteckenden Krankheiten gestorben war, die im Land ausgebrochen waren. Dr. Fotios Efklidis, der Direktor und Chefarzt des Krankenhauses, starb an Flecktyphus. Ebenso starben der Apotheker, die Sekretärin, zwei Krankenschwestern und ein Krankenpfleger. Nach Dr. Fotios Efklidis' Tod wurde Dr. Helena Kagan zu seiner Nachfolgerin ernannt. In jener Zeit traf eine medizinische Delegation aus der Türkei unter der Leitung von Ömer Pascha im Krankenhaus ein. Die Delegation zeigte sich beeindruckt vom Zustand des Krankenhauses, und Ömer Pascha, überrascht darüber, dass Kagan keine Arbeitserlaubnis besaß, beschloss, ihr die lang ersehnte Zulassung zu erteilen. So wurde Dr. Helena Kagan die erste Frau, die von den Türken eine ärztliche Zulassung erhielt. Da es sich um eine außergewöhnliche Genehmigung handelte, berichteten mehrere Zeitungen darüber. In der Zeitung Herut hieß es: „Es ist uns eine Freude mitzuteilen, dass die viel gepriesene Ärztin Dr. Cohen offiziell als Ärztin im städtischen Krankenhaus der örtlichen Regierung aufgenommen wurde. Frau Dr. Cohen, oder wie man sie nennt, Dr. Kagan, ist den Jerusalemer Bürgern wohlbekannt, sowohl in der neuen als auch in der alten jüdischen Gemeinde, und wir brauchen sie nicht zu loben. Schon die Tatsache, dass sie offiziell als Regierungsärztin im städtischen Krankenhaus aufgenommen wurde, zeugt von der Fachkenntnis und Sachkunde von Frau Dr. Cohen in der Medizin. Denn wie bekannt, gibt es in unserem Land für Frauen kein besonderes Recht, als Ärztinnen tätig zu sein, sondern nur als Sanitäterinnen, Hebammen, Krankenpflegerinnen oder einfache Arzthelferinnen. Wenn es Frau Dr. Cohen gelungen ist, als Ärztin in der Stadtverwaltung aufgenommen zu werden, zeigt das, wie sehr sich diese jüdische Ärztin in ihrem medizinischen Beruf auszeichnet, sodass die osmanische Regierung ihre Fähigkeiten würdigte und ihr ein so bedeutendes Amt übertrug.“
Nach zwei Jahren musste Dr. Helena Kagan das Krankenhaus nach dem „Vorfall mit HaSchomer“ verlassen. Der neue Krankenhausdirektor, Dr. Munir Bey, mochte ihren Erfolg nicht und suchte nach einem Weg, sie hinauszudrängen. Eine goldene Gelegenheit bot sich ihm, als der Häftling Israel Shochat, einer der Anführer von HaSchomer, zur Behandlung eingeliefert wurde und Dr. Kagan die verschmutzte Wand neben seinem Bett mit einem Laken abdeckte. Dr. Munir Bey wandte sich sofort an Djemal Pascha und beschuldigte sie, den Zionisten eine bevorzugte Behandlung zukommen zu lassen. Als daraufhin eine Untersuchungskommission eingesetzt wurde, beschloss sie, zurückzutreten.
Die Ärztin Jerusalems
Von da an konzentrierte sich Dr. Kagan auf ihre eigene Praxis. Inzwischen war sie jedoch bekannt, und täglich kamen Dutzende Patienten in ihre Praxis, darunter hochrangige türkische Offiziere und wohlhabende Araber, die erstklassige medizinische Betreuung suchten. Auch in der ultraorthodoxen Gemeinde war sie anerkannt, wie sie in ihren Erinnerungen schrieb: „Das erste Ereignis, das zu einem unerwarteten Anstieg meines Einkommens und meiner Beliebtheit führte, war die Behandlung meines ersten Patienten. Ein sechsjähriger Junge aus der angesehenen Familie des Rabbiners Blau, die in den Batei Ungarin wohnte. Der Junge war todkrank, hatte hohes Fieber, sein Bewusstsein war getrübt und seine Atmung schwer. Alle Ärzte Jerusalems wurden einer nach dem anderen an sein Bett gerufen, sogar einen nichtjüdischen Arzt holte man als ‚Segula‘, als eine Art Glücksbringer. Alle stellten Rezepte aus, die von einem nicht zugelassenen und unqualifizierten Apotheker geprüft wurden, Zalman Soloveitchik ... Auch andere Maßnahmen wurden ergriffen: Mehrere Synagogen erhielten Lampenöl als Spende, und sämtliche Kleidungsstücke und persönlichen Gegenstände des Jungen wurden den Armen geschenkt. Sechs Tage vergingen, und der Zustand des Jungen verschlechterte sich weiter. Schließlich erbarmte sich einer der Nachbarn. Angesichts der großen Verzweiflung der Familie meinte er, es könne eigentlich nicht schaden, das ‚Mädchen‘ zu rufen, das gerade aus der Schweiz gekommen war und behauptete, Ärztin zu sein. Ich wurde ans Bett des Jungen gerufen und stellte fest, dass er an einer lobären Lungenentzündung litt ... Ich wich die ganze Nacht nicht von seinem Bett ... Die Krise trat tatsächlich wie erwartet ein, begleitet von Schweißausbrüchen und einem Abfall des Fiebers, und über Nacht war ich zu einer ‚Berühmtheit‘ geworden. Dieser kleine Junge, mein erster Patient, wurde Jahre später Rabbi Amram Blau, einer der Anführer von Neturei Karta.“
Von da an ging es für Dr. Kagan steil bergauf. Sie leitete das Krankenhaus in Dr. Tichos Klinik, während er im Ersten Weltkrieg ins Exil geschickt worden war, und leitete anschließend die Kinderabteilung im Rothschild-Krankenhaus. Gleichzeitig eröffnete sie in Jerusalem eine Tipat-Chalav-Station für Kinder, war leitende Ärztin einer Behandlungsstation für arabische Kinder in der Altstadt, leitete das WIZO-Säuglingsheim und stand außerdem der Kinderabteilung des Krankenhauses Bikur Cholim vor.
Dr. Kagan wurde sehr alt und arbeitete bis zu ihrem letzten Tag. Sie starb 1978 im Alter von 89 Jahren.





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