Dies ist die Geschichte der Zweiten Alija, des Pioniergeistes und großer Lieben. Über sie schrieb Staatspräsident Salman Schasar: "Eine anmutige Gänsehirtin, im weißen Kleid und mit blauen Augen, leicht wie eine Gazelle und schön wie der See Genezareth." Ihre Gedichte fanden viele begeisterte Leser. Rachels Geschichte ist ein zionistisch-israelischer Gründungsmythos.
Dies ist die Geschichte der Zweiten Alija, des Pioniergeistes und großer Lieben. Über sie schrieb Staatspräsident Salman Schasar: "Eine anmutige Gänsehirtin, im weißen Kleid und mit blauen Augen, leicht wie eine Gazelle und schön wie der See Genezareth." Ihre Gedichte fanden viele begeisterte Leser. Rachels Geschichte ist ein zionistisch-israelischer Gründungsmythos.
Die Familie Bluwstein in Saratow
Rachel Bluwstein wurde 1890 in Saratow am Ufer der Wolga geboren. Sie war das elfte von zwölf Kindern. Als sie geboren wurde, war ihr Vater 67 und ihre Mutter 47 Jahre alt.
Ihr Vater, Isser Leib Bluwstein, war ein Einzelkind und ein Mann von ganz besonderer Art. Als er acht Jahre alt war, wurde er von Abgesandten Zar Nikolaus' I. entführt und zur Erziehung und körperlichen wie seelischen Abhärtung für einen langen Militärdienst fortgeschickt. Als sein Vater erfuhr, dass sein einziger Sohn entführt worden war, erlitt er einen Herzinfarkt und starb. Kurz darauf nahm sich seine Mutter Rosa das Leben.
25 Jahre später, mit 33, schied er aus dem Militärdienst aus und begann mit Bärenfellen zu handeln. Isser wurde sehr reich, kaufte Häuser und Grundstücke und handelte mit Diamanten und Gold. Später heiratete er eine Frau, mit der er vier Kinder bekam. Wenig später starb seine Frau und ließ ihn mit vier kleinen Kindern zurück. Danach heiratete er Sofia Mandelstam, die 20 Jahre jünger war als er. Sofia adoptierte seine vier Kinder aus erster Ehe und bekam acht weitere Kinder mit ihm.

Sofia stammte aus einer wohlhabenden und angesehenen Familie, war gebildet und sprach mehrere Sprachen. Ihre Familie führte sich auf Raschi zurück, und zu Hause wurden die Gebete auf Hebräisch gesprochen. Man musizierte und las Puschkin, Tolstoi und Lermontow, und Sofia stand sogar mit Lew Tolstoi in Briefwechsel. Sofias Großvater war Berater Zar Alexanders I. Eine andere Verwandte Sofias, Rosa, entging der Todesstrafe, nachdem sie ein Attentat auf Zar Alexander II. versucht hatte - diese rebellische Tante übte großen Einfluss auf Rachel aus.
Isser und Sofia ermöglichten all ihren Kindern eine höhere Bildung. Die Kinder studierten unbeschwert an Universitäten in Italien und Deutschland und bildeten sich in Medizin, Ingenieurwesen sowie Geistes- und Sozialwissenschaften weiter.
Der Bruder, der zum Zionismus führte
Rachels Bruder Jakob war zehn Jahre älter als sie und promovierter Philosoph. Er übersetzte das Buch "Die Quelle des Lebens" ins Hebräische, hielt im Rahmen einer von Chaim Nachman Bialik gegründeten Stiftung Tausende Vorträge vor großem Publikum, wurde ein leidenschaftlicher Zionist und wanderte ins Land Israel aus. Seiner Schwester schrieb er von dort: "Rachelchen, zum letzten Mal schreibe ich dir auf Russisch, denn ich hoffe, selbst die Rechtschreibung unserer Sprache zu meistern. Mit Begeisterung und Leidenschaft widme ich mich der hebräischen Sprache." Er war es, der bei Rachel und ihrer Schwester Schoschana das Interesse am Zionismus weckte. Sie nahmen an Zirkeln teil, an denen führende Persönlichkeiten der zionistischen Bewegung mitwirkten, darunter Borochow und Jizchak Ben Zwi.
Die Reise nach Eretz Israel
1906 starb ihre Mutter Sofia an Tuberkulose und vererbte der 16-jährigen Rachel die Veranlagung zu dieser Krankheit. Zu jener Zeit war Frauen im gesamten Russischen Reich das Studium an Universitäten verboten. Deshalb beschlossen Rachel und ihre Schwester Schoschana 1909, zum Studium nach Italien zu reisen und unterwegs das Land Israel zu besuchen. Beide kamen als Touristinnen ins Land, nicht als Zionistinnen und weder wegen Verfolgung noch aus dem Ideal heraus, Mensch und Welt zu verbessern.

Auf ihrer Reise ins Land schrieb Rachel in ihr Tagebuch: "Eilig steige ich auf das Deck des Schiffes. Oh Gott! Was für ein Bild! Himmel und Erde verschmolzen zu einem. Die Nacht hüllte sie in ihren schwarzen Mantel. Doch Tausende, Zehntausende Lichter flackern hier und dort. Silberne Pfade ziehen sich von ihnen ins Meer. Stille. Und ich stehe, als wäre ich mitten in der Nacht selbst. Ich stehe dort, lausche und höre die Stimme der Stille."
Die Schwestern verliebten sich in das Land und beschlossen zu bleiben. Schon am nächsten Tag zogen sie in die Kolonie Rechovot, die damals so alt war wie Rachel - beide waren 19. Sie ließen sich in der Straße Menucha Venachala nieder, der "Millionärsstraße", wo sie die Menschen der Ersten und Zweiten Alija kennenlernten.
Die "Millionärsstraße" verdankte ihren Namen ihren prächtigen Häusern. Der eine war aus Amerika gekommen und hatte ein Haus gebaut, das als groß und prachtvoll galt und zur Aufnahme wichtiger Besucher der Kolonie diente. Ein anderer war aus Australien gekommen und hatte ein wunderschönes Sommerhaus und daneben einen Mandelhain angelegt. Ein weiterer war Jakob Broida, Vorsitzender der Gesellschaft "Menucha Venachala", die die ganze Straße errichtet hatte. Sein Haus war das prächtigste. Broida finanzierte auch den Bau eines Ritualbads und einer Synagoge.
Der Turm der drei Schwestern
Zu Rachel und Schoschana stieß ihre jüngere Schwester Bat-Schewa, die in Russland eine Musikschule abgeschlossen hatte und ihren Schwestern nach Rechovot gefolgt war. Sie mieteten ein Zimmer im zweiten Stock von Broidas Haus, das daraufhin den Beinamen "Turm der drei Schwestern" erhielt. Um sich die hebräische Sprache anzueignen, vereinbarten die Schwestern, nur eine Stunde am Tag Russisch zu sprechen.

Sie kauften ein Klavier. Wenn die Arbeiter von den Weinbergen und Feldern zurückkehrten, eilte Bat-Schewa ans Klavier und begleitete sie mit ihrem Spiel. Schon bald wurde ihr Zimmer zum Zentrum des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens der jungen Leute aus Rechovot und der jüdischen Jugend aus der ganzen Umgebung.
In Rechovot lernte Rachel Nikodimon Altshuler kennen, ihre erste Liebe. Er verliebte sich zaghaft und schüchtern in Rachel. Für sie verkörperte er den Typus eines neuen jüdischen Stammes: nicht vom Leben im Exil geprägt, nicht gebildet, sondern voller Lebenskraft. Zwischen ihnen entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Gemeinsam ritten sie auf einem Pferd oder tanzten wild auf dem "Hügel der Liebe". Auf ihr Foto, das sie ihm schenkte, schrieb Rachel: "Für Nikodimon, meine Jugendliebe, wirst du dich an mich erinnern? - Rachel".
So schrieb sie in ihrem Gedicht "Stilles Glück": Der Sandhügel ist von Sonne durchtränkt, auf dem Sandhügel - du und ich, und im Herzen - stilles Glück.
Zu jener Zeit kam eine Gruppe Pioniere nach Rechovot, die "die Gemüsebauern" genannt wurde. Rachel arbeitete damals bei den Bauern. Der Anführer der Gruppe war Noach Naftulski, der sich auf den ersten Blick in Rachel verliebte. Rachel beeindruckte die Verbindung von Spiritualität und Kraft, Mut und Feldarbeit in ihm. Bisweilen waren die beiden einander sehr nahe, dann gingen ihre Wege wieder auseinander.
So schildert Schimon Kuschnir in "Die Menschen des Nebo" das Kennenlernen und die Beziehung zwischen Noach und Rachel: "Eines Tages begegnete Noach bei seiner Rückkehr von der Arbeit im Haus der Zeltzers einer hübschen, hochgewachsenen jungen Frau, schlicht gekleidet, deren Stimme angenehm und anmutig klang. Sofort wusste er, dass sie wohl eine der 'Schwestern' war. Als er an ihr vorbeiging, wandte sie sich an ihn und fragte: 'Sind Sie der Mann, der aus Kinneret gekommen ist?' Noach errötete und antwortete: 'Der bin ich.' 'Und ich weiß schon, dass Sie Noach heißen; ich bin Rachel', sagte sie liebenswürdig und reichte ihm ihre zarte Hand. Dann fügte sie hinzu: 'Sehen Sie? Hier, gegenüber diesem Haus, im rosa Haus, wohnen wir. Kommen Sie doch jederzeit vorbei, wenn Sie freie Zeit haben. Wir haben einen gemeinsamen Freund, Ihren Freund Kahanowitsch. Er hat uns auch schon Ihr Gedicht beigebracht. Ein schönes Gedicht.' Rachel drückte Noach herzlich die Hand und ging. Der Zauber ihrer Gestalt, ihre großen, tiefblauen Augen nahmen sein Herz gefangen, und ihre Worte klangen in seiner Seele wie eine Melodie."
Manchmal schloss Noach sich der Gruppe bei nächtlichen Wanderungen auf dem "Hügel der Liebe" an. Rachel schmiegte sich an ihn und versuchte, ihn zum Reden zu bringen; dabei sprühte sie vor Ideen über das menschliche Dichten auf Erden. Ihre Bemerkungen über Schriftsteller, deren Geist ihr fern war, waren scharfsinnig, und für die Dichtung großer Poeten wie Lermontow, Puschkin und Goethe begeisterte sie sich.
Auch Noach, der ein außergewöhnliches Gedächtnis für Gedichte und Legenden hatte, schöpfte aus seinem reichen Wissen über hebräische Bücher, Schriftsteller und Dichter. Rachel war von Noachs Schönheit und Würde ebenso bezaubert wie von seiner Schüchternheit. Sie kam in sein Zimmer und nahm sein Wissen über die Quellen der hebräischen Literatur in sich auf. Noach nahm sich viele Stunden Zeit, um mit Rachel die Aggada zu studieren, und Rachel entdeckte darin die Lebensweisheit der Alten.
In jenen Tagen hielt Noach in seinen Heften die folgenden Verse fest, die seine Gemütslage und seine Liebe ausdrückten:
Du wirst es nicht wissen, blasses Mädchen, / wie ein kraftloser Jüngling liebt - ein sanfter Jüngling, weiß an der Stirn / und woher solltest du es wissen? Vielleicht blickst du mir in die Augen / was erkennst du dort, im Blick? - Erkennst du die stille Trauer, die leise in einem Tränentropfen zittert? / Dies ist das Geheimnis des Wunders / so liebe ich im Verborgenen ...
Rachel wollte von Noach über seine Freunde in Galiläa hören: über A. D. Gordon, Ben-Zion und Kinneret. Er erzählte ihr von seiner Begegnung mit Berl Katznelson und vom Zauber Galiläas, und in Rachels Innerem vollzog sich eine Wandlung. Bei ihren Treffen mit Noach und seinen Freunden, die ihn besuchen kamen, lernte sie ihre Idee kennen und fühlte sich ihr verbunden - die Idee, den Menschen durch Arbeit zu erneuern. Auch sie begann von der "Melodie der Hacke" zu träumen - einer Idee Noachs zufolge sollte die vollständige Erlösung des Landes Israel durch die Hacke kommen, die aus den Ruinen des Landes den Gesang des Tempels freilegen und ans Licht bringen würde. "Mit der Hacke musizieren und auf der Erde malen."
Das war nun Rachels Traum.
Von Rechovot nach Kinneret
Im April 1910 wurden die "Feierlichkeiten von Rechovot" begangen. Zu diesen Festen kamen Hunderte von Bauern, Arbeitern, Schriftstellern, Künstlern und Mitgliedern der "Haschomer" aus dem ganzen Land. Bei diesen Feierlichkeiten begegnete Rachel zum ersten Mal A. D. Gordon. Gordon war älter als sie, ernst und von großer Ausstrahlung; er erinnerte Rachel an Tolstoi, den Freund ihrer Mutter. Von Gordon lernte Rachel nicht nur reines, faszinierendes Hebräisch, sondern auch Pioniergeist. Er war ihr Rabbi, ihr weltlicher Rabbi. Sie beschloss, ihr Schicksal mit dem der Gruppe zu verbinden und an ihrem nächsten Abenteuer teilzunehmen: dem Aufbau einer landwirtschaftlichen Siedlung auf dem Hof Kinneret.
Rachel schrieb Gordon ein Gedicht und wartete gespannt auf seine Meinung zu ihrer Dichtung. Es war ihr erstes Gedicht auf Hebräisch - "Gemütslage":
Der Tag schwand, verdunkelte sich, erlosch / gedämpftes Gold bedeckte Himmel und Höhen Rings um mich wurde die Weite der Felder schwarz / eine stumme Weite / mein Weg entfernte sich - mein einsamer Weg / mein öder Weg ...
A. D. Gordon antwortete ihr mit dem einzigen Gedicht, das er je schrieb:
Geh deinen Weg, steig höher hinauf / niemand soll dich aufhalten, niemand sagen: Steig! / Und wenn du aufsteigst, wird dir der Tag leuchten Und siehe, oben bist du nicht allein
Rachel schloss sich dem Ausbildungshof für junge Frauen von Hanna Meisel am Ufer des Sees Kinneret an, einer Einrichtung zur Ausbildung von Arbeiterinnen in der Landwirtschaft. Rachel liebte dieses Leben. Später drückte sie ihre Sehnsucht nach jener Zeit im Gedicht "Und vielleicht" aus:
"Und vielleicht hat es das alles nie gegeben / vielleicht bin ich nie im Morgengrauen zum Garten aufgestanden, um ihn im Schweiße meines Angesichts zu bestellen?"
Dort schloss sie Freundschaft mit bedeutenden Persönlichkeiten wie A. D. Gordon, Berl Katznelson und Josef Trumpeldor, und sie erlebte auch die Liebe.

So beschrieb einer von ihnen seine erste Begegnung mit ihr: "Da öffnete sich das Tor, und aus dem Hof zog eine laute, aufgeregte Schar weißer Gänse heraus, wälzte sich über den ganzen Hügel. Hinter der Herde ging die anmutige Hirtin, im weißen Kleid und mit blauen Augen, leicht wie eine Gazelle und schön wie der See Kinneret. In der Hand hielt sie einen Palmzweig. Mit diesem Stab, ihrer jungen, hellen Stimme und der geschmeidigen Bewegung ihres schwebenden Körpers beherrschte sie sanft und kraftvoll das aufwallende Getümmel. In jubelndem Hebräisch führte sie im Morgengrauen die Gänseherde aus dem Hof des Kinneret-Hofs auf die Weide. Atemlos verbarg ich mich hinter dem Zaun, bis der ganze weiße Zug an mir vorbeigezogen war. Diese Hirtin war die Dichterin Rachel."
Der Verfasser, damals 20 Jahre alt, hieß Salman Schasar und wurde später der dritte Präsident des Staates Israel. Er liebte sie, und sie widmete ihm mehrere Gedichte. Eines davon ist "Bund des Echos", geschrieben 1927, sieben Jahre nachdem er Rachel Katznelson geheiratet hatte:
"Der Bund des Echos, der zwischen uns geschlossen ist, vermochten auch die Heere der Tage nicht zu brechen; noch leuchtet in den Abgründen unseres Herzens die Erinnerung an ein reines, unschuldiges 'Damals'."
Ein weiteres Gedicht, das ihre Beziehung zum Ausdruck bringt, ist "Begegnung, halbe Begegnung":
"Begegnung, halbe Begegnung, ein rascher Blick, bruchstückhafte, rätselhafte Worte - das genügt ... Und wieder überflutete alles, wieder erschütterte alles die Flutwelle aus Glück und Schmerz."
Drei Jahre später schrieb Schasar "Die Stimme", eine Antwort auf "Begegnung, halbe Begegnung", die von einem verborgenen Dialog zwischen den beiden verliebten Dichtern zeugt.
"Und plötzlich überflutete alles ein heftiges Glück, tröstete mich."
1927 schrieb Rachel das Gedicht "Der verschlossene Garten". Sie widmete es Schasar mit der hebräischen Widmung "לזר" ("für Z. R.") - den hebräischen Initialen seines Namens Salman Rubaschow, bevor er seinen Namen in Schasar änderte.
Wer bist du? Warum trifft eine ausgestreckte Hand nicht auf eine Schwesterhand? Und Augen warten nur einen Augenblick, da senken sie sich schon verlegen. Ein verschlossener Garten. Kein Pfad führt zu ihm, kein Weg. Ein verschlossener Garten - ein Mensch. Soll ich gehen? Oder an den Felsen schlagen, bis Blut fließt?
In Kinneret lernte sie auch Berl Katznelson kennen. Berls scharfer Verstand und seine umfassende autodidaktische Bildung faszinierten Rachel. Sein parteipolitischer Eifer und sein bolschewistischer Charakter stießen sie ab. Er inspirierte sie zu ihrem Gedicht "Unfruchtbar":
"Hätte ich einen Sohn, ein kleines Kind, mit schwarzen Locken, würde ich ihn Uri nennen." Berls literarischer Name war Uri Harari, und tatsächlich hatte er schwarze Locken.
Toulouse und Michael Bernstein
Auf dem Hof beschloss man, Rachels Französischkenntnisse zu nutzen und sie zum Studium der Agronomie nach Frankreich zu schicken. 1913 reiste Rachel nach Toulouse. Ihre Freunde in Kinneret kritisierten sie scharf, vor allem Schmuel Dayan, der Vater von Mosche Dayan, der ihr vorwarf, das Land zu verlassen. Rachel antwortete ihm: "Was meinst du, ist der Zweck meiner Reise? Geht es nicht darum, die Arbeit zu vervollkommnen, mich mit jeder Faser meines Herzens und meines Geistes an sie zu binden, die verborgenen Geheimnisse des Pflanzenlebens und die tiefsten Geheimnisse des Lebens der gesamten Schöpfung zu erforschen? Geht es nicht darum, den Erdklumpen den Atem des Lebens einzuhauchen, das Antlitz meines Landes zu verbessern und zu schmücken? Ich werde es jetzt verlassen und nach zwei Jahren zur rechten Zeit zurückkehren. Im Frühling werde ich zurückkehren, als Turteltaube voller Sehnsucht und Hoffnung von jenseits des Meeres. Denn das habe ich dem Meer, den Bergen und meinem Jordan geschworen ..."
Gordon unterstützte sie und schrieb ihr: "Wir leben nicht, um Opfer zu bringen, und die ganze Welt kann uns Heimat sein, wenn wir es verstehen, voll und ganz zu leben. Nur so müssen wir unser Leben hier gestalten: als erfülltes Leben, als Leben ständiger Selbsterziehung, des Selbstausdrucks, menschlichen Wachstums und schöpferischen Wirkens."
Rachel war die einzige Frau und die einzige Jüdin unter den Studierenden und schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab. In Toulouse lernte sie Michael Bernstein kennen, einen jüdischen Studenten aus Russland, der Ingenieurwesen studierte. Er war die bedeutendste Liebe ihres Lebens. Ihre Beziehung dauerte mehrere Jahre. Ihm schrieb sie "Lied der Wehmut":
Hörst du meine Stimme, mein Fernster, hörst du meine Stimme, wo immer du bist, eine Stimme, die laut ruft, eine Stimme, die in der Stille weint und über der Zeit einen Segen gebietet?
Rachel und Michael schrieben einander mehrere Jahre lang, und er schrieb ihr:
"Meine liebe Ria (Kosename für Rachel), meine ferne Geliebte, womit soll ich meine Freude vergleichen, wenn ich deine Nähe spüre? Dein Brief, die hervorbrechenden, kraftvollen Zeilen, bringen mir den Duft der Nelken, die nicht verwelkt sind, die Brise über unseren Köpfen, die Spur des verschwindenden Sterns. Ria, wie oft habe ich in den langen, schweren Jahren von dieser Freude geträumt. Im kalten Eisenbahnwagen, bei einem Spaziergang im Wald und manchmal mitten in der Vorlesung erschien plötzlich dein Bild vor mir ... Schreib mir von deinen Freunden im Land Israel. Wo ist deine Schwester Schoschana? Wo ist jetzt deine kleine Nichte Sara ... Ich warte auf eine neue Freude, einen neuen Umschlag mit ausländischen Briefmarken und Worten, geschrieben mit derselben Hand, der ich mit einer Liebkosung sagen möchte, was sich nur schwer in Worte fassen lässt. Ria, ich küsse dich ganz fest, wie damals am Meeresstrand ... Schreib mir, Karino, meine Liebste. Deine Briefe sind das Lied meines Lebens, und vielleicht sehen wir uns doch noch. Dein M."
Nach dem Abschluss ihres Studiums in Toulouse beschloss Rachel, nach Russland zurückzukehren, um ihre Verwandten zu besuchen. Dort überraschte sie der Erste Weltkrieg. Das Land Israel stand unter türkischer Herrschaft. Die Türkei war damals ein Feind Russlands, weshalb russischen Staatsbürgern die Einreise ins Land verwehrt war. So musste Rachel sich vier Jahre lang vom Land trennen. In diesen Jahren arbeitete Rachel in einem Waisenhaus und schrieb weiterhin an Michael, der inzwischen nach Russland zurückgekehrt war. Ihre Beziehung dauerte zehn Jahre, acht davon verbrachten sie im Briefwechsel.
Diese Liebe bildete die Grundlage für Nurit Gertzs Roman "Ein Meer zwischen mir und dir".
Im Waisenhaus entdeckte Rachel die schrecklichen Symptome: Brustschmerzen, Bluthusten und anhaltenden Husten. Es war klar, dass sie sich mit der furchtbaren Krankheit angesteckt hatte - dem "weißen Tod", der Tuberkulose.
1917 eroberten die Briten das Land von den Türken. In Russland folgten Tage voller Umbrüche. Die Macht wechselte rasch zwischen den Bolschewiki und ihren Gegnern, und Russland befand sich mitten in einem Bürgerkrieg.
Das jüdische Komitee von Odessa wandte sich an die russischen Behörden mit der Bitte, den Bewohnern Palästinas die Rückkehr in ihre Heimat zu ermöglichen.
So fand Rachel sich auf dem Schiff "Ruslan" wieder, das Ende November aus dem Hafen von Odessa in der Südukraine auslief. In Odessa traf sie zum ersten Mal Jochanan Ratner, der damals in Rachel Kagan verliebt war. Das Schiff machte sich auf den Weg und legte im Dezember im Hafen von Jaffa an. Unter den 700 Passagieren traf Rachel den Historiker Josef Klausner, die Architekten Seew Rechter und Jehuda Magidowitsch, den Tänzer Baruch Agadati, Israel Guri, später Knessetmitglied und Vater des Dichters Chaim Guri, den Dichter Jonatan Ratosch, Rosa Cohen, die Mutter Jitzchak Rabins, Rachel Cohen-Kagan, das erste weibliche Knessetmitglied und Unterzeichnerin der Unabhängigkeitserklärung, sowie den Schauspieler Meir Teomi.
Rachel versuchte, zum Ausbildungshof für junge Frauen in Kinneret zurückzukehren. Da sich der Hof in einer Übergangsphase befand, schloss sie sich jedoch dem Kibbuz Degania an, wo sie humoristische Texte schrieb. Als die Mitglieder von ihrer Krankheit erfuhren, schickten sie ihren guten Freund David Gilad, um ihr die "Nachricht" zu überbringen. Was er ihr sagen sollte, war schwer; er stammelte und klang entschuldigend, doch schließlich gelang es ihm, Rachel den Satz zu sagen, der sich nicht nur in ihr Gedächtnis einprägte. Auch viele Jahre später blieb er im kollektiven Gedächtnis des Landes Israel haften: "Du bist krank", sagte er ihr im Namen der anderen, "und wir sind gesund. Deshalb musst du gehen." Die Mitglieder kamen nicht, um sich von ihr zu verabschieden. Diese Behandlung verletzte sie, und sie schrieb darüber: "Eine schwere, schwarze Wolke senkte sich auf mich. Sie erstickte mich. Ich wollte schreien und konnte nicht."
Von Degania zog Rachel nach Jerusalem. Dort unterrichtete sie Landwirtschaft auf dem Lehrhof unter der Leitung von Rachel Yanait und gab Privatstunden in Hebräisch und Französisch. Sie wohnte im Haus von Rachel Kagan in der Straße der Propheten und schrieb dort das Gedicht "Der Birnbaum":
Die Hand des Frühlings knüpft diesen Bund ... Ein Mensch wacht aus dem Schlaf auf und sieht: vor seinem Fenster blüht ein Birnbaum;
Und im Nu: Der Berg, der auf dem Herzen lag, zerfiel und ist verschwunden. Du verstehst doch: In seiner Trauer kann der Mensch nicht stur an der einen Blüte festhalten, die verwelkt ist.
In Jerusalem traf sie Jochanan Ratner wieder, der ein Zimmer ganz in ihrer Nähe gemietet hatte, und verliebte sich in ihn.
Ihre Krankheit schreckte Vermieter ab, die sich weigerten, ihr ein Zimmer zu vermieten, und sie zog nach Tel Aviv. Zuerst wohnte sie bei ihrem Bruder Jakob, doch auch er bat sie, wie die Menschen in Degania, zu gehen, aus Angst, sie könnte seine kleine Tochter anstecken.
Rachel wurde zweimal in Safed ins Krankenhaus eingeliefert. An Ben-Zion Israeli schrieb sie: "Ben-Zion, hat Noach (Naftulski) dir nicht gesagt, dass ich hier bin und du mich besuchen kommen sollst, denn Krankenbesuche sind eine Pflicht? Als wir an jenem gesegneten Schabbat, der nun schon so weit zurückliegt, am Pessachfest, am Ufer des Jordan saßen, schrieb ich ein Gedicht. Es ist für dich, Ben-Zion, denn du warst ein untrennbarer Teil der wehmütigen Erinnerungsfreude, die mich umgab. Ich möchte dir das Gedicht eigenhändig überreichen, also musst du kommen. Ich wohne fast dauerhaft im Hadassah-Krankenhaus in Safed."
Safed verband sich für sie mit ihrer Krankheit, und sie schrieb einer Freundin: "Tag für Tag finde ich neben mir Fliegenkadaver, erstickt in den Dämpfen der Langeweile, die von mir aufsteigen ... Das Kapitel Safed neigt sich dem Ende zu. Ein langes, bitteres Kapitel ... Ich verlasse Safed. Diese Stadt, die ich früher so sehr liebte und die ich jetzt hasse."
Die letzten Jahre in Tel Aviv
In ihren letzten Lebensjahren wohnte Rachel in Tel Aviv, in der Bograshov-Straße 5, in einer Wohnung, die ihr Dr. Mosche Beilinson besorgt hatte. Er war mit ihr befreundet und behandelte sie. In dieser Wohnung schrieb sie die meisten ihrer Gedichte. "In den Gedichten finde ich ein wenig Trost." Es waren ihre produktivsten Jahre.

Rachel lebte zwar in bescheidenen Verhältnissen, doch gerade diese Not bereicherte ihr Schaffen. Die Redakteure der Zeitung "Davar" mochten sie und schufen ein unterstützendes Umfeld für sie. Jeden Freitag wurden ihre Gedichte veröffentlicht, und sie hatte das Gefühl, ihren Freunden und den Redakteuren ein Geschenk zu machen. Schasar und Berl, die zu den Redakteuren gehörten, glaubten, dass Literatur und Dichtung, genau wie die Arbeit auf dem Feld, die Welt erlösen sollten und dass Kunst beim Aufbau eines besseren Menschen eine Aufgabe hatte. Rachel erfüllte dieses Bedürfnis.
Rachel ließ sich überreden, in ein Sanatorium für Tuberkulosekranke in Gedera zu gehen. Der Aufenthalt dort war für sie unerträglich. Nach einigen Tagen bat sie darum, nach Tel Aviv zurückzukehren. Auf der langen Fahrt, die sie liegend in einem Pferdewagen zurücklegte, bat sie darum, durch die Kolonie Rechovot zu fahren, um sich von einem ihrer Liebsten, Nikodimon Altshuler, zu verabschieden, der inzwischen verheiratet und Familienvater war. "Sie lag im Wagen. Man brauchte mir nicht zu sagen, wer da kam. Ich sah vor mir ein menschliches Skelett. Ihr wunderschönes Haar war zu trockenem Stroh geworden. Ihr zartes, fröhliches Gesicht, das immer lächelte und dessen Spott eine Doppeldeutigkeit hatte, die ein Mann nie ganz verstand, war jetzt eingefallen, erschöpft und faltig. Ich stand da, betrachtete sie und begann zu schluchzen. Ihre blauen Augen, die wie ein Frühlingshimmel gewesen waren, blickten mich an, und eine einzelne Träne rollte über ihre Wange", erzählte Altshuler.
Rachels letzte Worte waren: "Leb wohl, Nikodimon." Nikodimon liebte Rachel bis ans Ende seines Lebens.
Rachel kam ins Hadassah-Krankenhaus in Tel Aviv. Sie starb am 16. April 1931 in völliger Einsamkeit. Rachel die Dichterin wurde am Ufer des Sees Kinneret begraben, wie sie es in ihrem Gedicht "Wenn das Schicksal es gebietet" gewünscht hatte, das gleichsam ihr Testament wurde:
Wenn das Schicksal es gebietet, fern von deinen Ufern zu leben, lass mich, Kinneret, in deinem Friedhof ruhen.
Sie war 41 Jahre alt, als sie starb. An ihrem Trauerzug, der im Hof des Krankenhauses begann, nahmen viele Menschen teil, die ihre Gedichte liebten und jeden Freitag in "Davar" auf sie warteten.
Den Grabstein für Rachel auf dem Friedhof von Kinneret entwarf Jochanan Ratner. Es war ihre dritte und letzte Begegnung. Durch Rachel wurde der Friedhof von Kinneret zu einem begehrten Begräbnisort. Menschen schrieben in ihre Testamente, dass sie hier begraben werden wollten: Noach Naftulski, Abraham Herzfeld und Kuschnir verfügten testamentarisch, dass sie neben Rachel begraben werden wollten. Naftulski starb 1974 und wurde dort beigesetzt. Tatsächlich wurde für sie Platz freigehalten - allerdings nicht in derselben Reihe und nicht auf derselben Linie, denn sie hatten Rachel nicht aufgenommen, als es ihr schlecht ging und sie in Not war. Hier wurde bis zum Ende abgerechnet. Hinter Rachels Grab liegt die Dichterin Elisheva Bichovsky begraben, über die Rachel sagte: "Es gibt nur eine, die es in der hebräischen Dichtung mit mir aufnehmen kann."






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