Niemand hätte ahnen können, dass diese wunderschöne, talentierte und kluge Malerin, die Menschen für sich einzunehmen wusste, eine gefährliche Mossad-Agentin war.

Das Klingeln an der Tür beunruhigte Isabel Pedro. Die Neueinwanderin aus Uruguay, die allein in der bescheidenen Wohnung in Givatayim lebte, erwartete keinen Besuch. Sie ließ die Sicherheitskette eingehakt und öffnete die Tür nur einen schmalen Spalt. Die beiden jungen Männer, die davor standen, versuchten, sie zu beruhigen: „Du brauchst keine Angst zu haben. Wir möchten dir eine Arbeit im Ausland anbieten, die mit Sicherheitsfragen zu tun hat.“ Dieser Moment beendete ihr bisher bequemes Leben. Drei Jahre lang lebte sie fortan in größter Anspannung, in einem fremden und feindseligen Land, wo ein kleiner Fehler im besten Fall lange Jahre im Gefängnis und im schlimmsten Fall den Tod bedeuten konnte - wie für den Spion Eli Cohen, der in Damaskus hingerichtet wurde.

Wurzeln in Montevideo

Isabel wurde 1934 in eine zionistische Familie hineingeboren, die in Montevideo, der Hauptstadt Uruguays, lebte. Ihr Vater Jizchak stammte aus Polen, war aber bereits 1921 nach Eretz Israel eingewandert. Er gehörte zu den Gründern des Kibbuz Givat Hashlosha und hatte am Bau der berühmten Straße Tiberias-Zemach mitgewirkt. Trotzdem wanderte er nach Uruguay aus und schloss sich seiner Schwester an, die bereits dort lebte. Über ihre Abstammung erzählte Isabel, dass die Familie ihres Vaters aus Toledo in Spanien stammte: „Der Überlieferung zufolge, die in meiner Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde, war einer meiner Vorfahren, genannt Don Pedro, für den Kauf reinrassiger Pferde für einen der spanischen Könige zuständig ... Seine Tätigkeit rettete ihn und seine Familie vor der Inquisition. Sie mussten nicht einmal ihren Glauben wechseln ... 1531 verließen Don Pedro und seine Familie mit Erlaubnis des Königs Spanien und ließen sich in den Niederlanden nieder. Die Niederlande boten den Zwangskonvertierten aus Spanien die Möglichkeit, ihr Leben wieder aufzubauen. Einige Jahre später teilte sich die Familie Pedro. Ein Teil blieb in den Niederlanden, ein Teil wanderte nach Großbritannien aus und ein Teil zog nach Polen und ließ sich in der Kleinstadt Żuromin nieder.“ Isabel stammte von diesem polnischen Familienzweig ab. In Uruguay heirateten ihre Eltern, Jizchak Pedro und Genia Malwiak. Ihr Vater handelte mit Kleidung. Später wuchs sein Geschäft, und er gründete eine Leinsamenölfabrik.

Isabel studierte Architektur und Malerei an der Kunstuniversität in Montevideo. Daneben nahm sie Klavier- und Ballettunterricht und engagierte sich in der zionistischen Jugendorganisation „Hebraica“, die zur Einwanderung nach Eretz Israel ermutigte und Mischehen verhindern wollte.

„Eines Tages kam die israelische Außenministerin Golda Meir nach Montevideo, und wir traten vor ihr auf“, erzählte Isabel. Golda Meir winkte Isabel mit dem Finger zu sich. „Sprichst du Jiddisch?“, fragte sie. „Mit jugendlichem Übermut antwortete ich: ‚Ich bin keine Nichtjüdin.‘ Daraufhin sagte Meir zu mir: ‚Wir brauchen dich bei uns.‘ Bis heute spüre ich, wie mir damals die Röte ins Gesicht stieg.“

Die Einwanderung nach Israel und die Einberufung

Mit 19 heiratete Isabel einen einheimischen Juden, doch anderthalb Jahre später trennten sie sich. Sie wartete sieben Jahre auf den ersehnten Scheidebrief. Als sie ihn erhielt, machte sie sich unverzüglich auf den Weg nach Eretz Israel. Rund 300 Freunde begleiteten sie zum Hafen. Dort bestieg sie ein spanisches Passagierschiff und fuhr nach Europa. Unterwegs freundete sie sich mit einem jungen Offizier namens Juan Antonio an. „Er gab mir die Adresse seiner Familie in der spanischen Provinz Kastilien und lud mich ein, sie zu besuchen. Unsere Gruppe ging im Hafen von Genua von Bord, und ich verabschiedete mich von ihm. Nicht im Entferntesten kam mir damals in den Sinn, dass ich eines Tages für die israelischen Sicherheitsdienste arbeiten würde und dass eine zufällige Begegnung mit einem spanischen Marineoffizier ihn zum indirekten Briefträger für sensible Sicherheitsbotschaften nach Israel machen würde.“ In Genua ging sie an Land und bestieg dort das Schiff „Moledet“. In Israel wurde sie zum Hebräischlernen in den Kibbuz Usha geschickt. Anschließend mietete sie eine Wohnung in Givatayim und begann, Innenarchitektur zu studieren, um in Israel eine entsprechende Qualifikation zu erwerben.

Nachdem die beiden jungen Männer an der Tür sie beruhigt hatten, bat sie sie herein. Sie überraschten sie damit, dass sie die Geschichte ihrer Familie kannten, und wichen ihrer Frage aus, wer sie geschickt hatte. „Sie erklärten lediglich, ihre Auftraggeber seien überzeugt, dass ich außerhalb der Grenzen des Landes einen nützlichen Beitrag für den Staat Israel leisten könnte“, erzählte sie. Sie vereinbarten, in einigen Tagen wiederzukommen und ihre Antwort abzuholen. Isabel hatte Angst: „Ich war gerade einmal 28 und vermutete, dass Leute, die Frauen in die Prostitution verschleppten, insbesondere arglose Neuankömmlinge, mich beobachteten.“ Isabel war wunderschön, beherrschte sechs Sprachen, wusste Menschen für sich einzunehmen und lebte allein. All das war zweifellos eine solide Grundlage für ihre Befürchtungen. Sie wandte sich sofort an die Polizei von Jaffa und bat sie zu prüfen, ob die Männer tatsächlich eine offizielle Sicherheitsstelle des Staates vertraten. Zwei Tage später kam eine Polizistin zu ihrer Wohnung und sagte zu ihr: „Das ist ein ernst gemeintes Angebot.“

Nach einer Reihe von Schulungen und Übungen an der Schule für Untergrundkämpfer (Spione) in Tel Aviv musste Isabel mehrere Aufgaben absolvieren. Eine davon bestand darin, vom Meer aus in ein Kraftwerk einzudringen. Sie schaffte es und bewies, dass sie mutig und kreativ war und ein ausgezeichnetes Gedächtnis hatte. Die nächste Aufgabe war, einen Militärstützpunkt in Netanja zu fotografieren. Dabei wurde sie von einem der Offiziere auf dem Stützpunkt erwischt. „Ich spreche kein Hebräisch“, antwortete sie mit französischem Akzent. Man brachte sie zur Polizeiwache in Netanja. Auch bei der Befragung durch die Polizisten sagte sie weiter: „Ich spreche kein Hebräisch.“ Sie wurde nach Jaffa zu einem französischsprachigen Vernehmer gebracht und beharrte darauf, nichts zu wissen und überhaupt nicht zu verstehen, worum es bei dem ganzen Aufruhr ging. Schließlich sei sie von Beruf Malerin und Fotografin. Als das Verhör weiterging, bat sie darum, einen „Freund“ anzurufen. Sie wählte die Notrufnummer, die sie erhalten hatte. Der „Freund“ holte sie heraus und teilte ihr mit, dass sie die Aufgabe nicht bestanden habe. Isabel hingegen war der Meinung, sie habe sie erfolgreich bewältigt, da sie keinerlei Informationen preisgegeben hatte. Nach diesen Aufgaben setzte sie ihr Studium des Morsealphabets, der Auswertung von Luftaufnahmen und des Kartenlesens fort und trainierte mit verschiedenen Waffen.

Als es an der Zeit war, ins Einsatzgebiet zu gehen, kamen aufgrund ihrer Französischkenntnisse und ihrer fehlenden Arabischkenntnisse der Libanon oder Ägypten als Einsatzgebiet infrage. „Ich zog Ägypten vor, unter anderem wegen meiner Liebe zu seinen wunderbaren Altertümern“, erzählte Isabel.

Vorbereitungen für die Auslandsmission

Anfang April flog Isabel nach Paris und traf sich mit „Michael“, ihrem Führungsoffizier. Er war Kommandeur der Operationsabteilung „Hamifratz“, die Spione einschleuste und Agenten in Zielländern einsetzte. „Michael“ war der Deckname von Jitzchak Schamir, der später Ministerpräsident Israels wurde. „Ich habe dreimal mit ihm gesprochen. Er stellte mir Fragen, und nach meinen Antworten zu urteilen, war ich ihm wohl sehr sympathisch. Nach dem dritten Gespräch, als beschlossen worden war, dass ich nach Ägypten gehen würde, sagte er zu mir: ‚Bitte, steh auf und geh. Tu, was du willst, wo du willst und wann du willst.‘ Meiner Meinung nach kann man mir kein größeres Kompliment machen. Damit brachte er mir sein volles Vertrauen entgegen.“ Sie fügte hinzu: „Er hatte einen starken Charakter und wusste genau, was er wollte und wie er es erreichen konnte ... Wenn er jemandem vertraute, hatte er ganz offensichtlich gute Gründe für seine Einschätzung. Er konnte Menschen hervorragend beurteilen. Wenn er jemanden traf, wusste er, ob man sich auf ihn verlassen konnte oder nicht. Dass er mich nach drei Treffen einschätzen konnte, ist der beste Beweis dafür, dass er genau wusste, was er tat.“ „Ägypten“, sagte Jitzchak Schamir zu ihr, „ist für Israel in jeder Hinsicht von größter Bedeutung. Deine Aufgabe wird es sein, das Land zu bereisen, allen möglichen militärischen Entwicklungen nachzugehen, ungewöhnliche Ereignisse zu erkennen, aufmerksam zu verfolgen, was in den Eliten vor sich geht, Kontakte zu knüpfen und deine Sinne nach eigenem Ermessen einzusetzen.“

Über ihre Legende erzählte sie: „Ich sollte mich in die Kreise der russischen Aristokratie integrieren, die während der kommunistischen Revolution aus ihrer Heimat geflohen und Teil der französischen Gesellschaft geworden war. Ihre Angehörigen verbrachten lange Stunden im ‚Café de la Paix‘ am rechten Seineufer.“ Für sie war das eine einfache Aufgabe, und schon nach kurzer Zeit war sie in diesen Kreisen beliebt und gern gesehen. Von Paris aus zog sie nach Italien: „Ich traf mich mit dem Mossad-Vertreter ‚Arie‘. In Rom erkundete ich die Standorte der verschiedenen ausländischen Botschaften und Konsulate, darunter auch der arabischen, sowie andere Orte, die mir wichtig erschienen.“ Zum Schluss reiste sie nach Spanien und besuchte die Eltern von Juan Antonio, dem Offizier, mit dem sie sich auf der Fahrt von Uruguay nach Genua angefreundet hatte. „Ich bat sie, von Zeit zu Zeit Postsendungen für mich nach Israel weiterzuleiten. Ich erklärte ihnen, dass ich auf Weltreise sei und nicht wolle, dass meine Familie in Israel wisse, wo ich mich aufhielt. Deshalb informierte ich meine Eltern, dass es mir gut ging, und schickte ihnen Fotos, Reiseführer und Ähnliches.“ So gewöhnte sie die Familie daran, für sie Material weiterzuleiten, und vervollständigte zugleich ihre Legende. Als sie Juan Antonios Familie traf, erfuhr sie zu ihrer Überraschung, dass sich damals ein Verwandter von ihnen in Ägypten aufhielt. Er war Experte für nichtkonventionelle Waffen und arbeitete gemeinsam mit deutschen Wissenschaftlern an deren Herstellung.

Das letzte noch zu lösende Problem war der Pass. Da sich in ihrem eigenen Pass israelische Stempel befanden, flog sie nach Amsterdam und schüttete dort roten Nagellack darüber. Das war ein „guter Grund“, die uruguayische Botschaft in Amsterdam aufzusuchen und einen neuen Pass zu beantragen. Sie kehrte nach Paris zurück und fuhr weiter nach Mailand, um ein Visum für Ägypten zu bekommen. Der ägyptische Konsul begann, sie nach dem Grund ihrer Reise zu fragen. Sie antwortete, sie wolle für längere Zeit kommen, um Archäologie zu studieren. „Der Konsul war mehr von meinen entblößten Beinen beeindruckt, und weitere Fragen stellte er nicht“, erzählte sie später.

Die Mission in Ägypten und der Weg danach

Anfang 1963 kam sie mit einem doppelwandigen Koffer, in dem ein Morsegerät und ein Funkgerät versteckt waren, nach Ägypten. Jetzt war es keine Übung mehr, sondern ein feindliches Land. Zu dieser Zeit saßen dort bereits seit sieben Jahren einheimische Juden im Gefängnis, die Israel zu Sabotageaktionen entsandt hatte. Sie bezog das Hotel „Semiramis“ in einem vornehmen Viertel, um mit der Oberschicht in Kontakt zu kommen und Informationen zu sammeln. Als Erstes knüpfte sie Kontakte in einem örtlichen Friseursalon, denn „Friseure reden gern, und aus ihrem Mund kann man sowohl Nachrichten als auch Klatsch hören, in dessen Mittelpunkt die Mitglieder der gesellschaftlichen Elite stehen, sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich“. Im Salon lernte sie den Besitzer eines Antiquitätenladens namens „Ali Baba“ kennen, der gute Verbindungen zur Oberschicht hatte. Durch ihn traf sie einen jungen Archäologen, mit dem sie Ägypten bereiste.

Auf einer ihrer Reisen entdeckte sie, dass die ägyptische Armee Waffen in den Sudan transportierte. Bei einer anderen Fahrt entdeckte sie den Standort eines riesigen Flughafens mit sowjetischen Tu-16-Flugzeugen und prägte sich die Rufzeichen aller Flugzeuge ein. Im Hafen von Alexandria beobachtete sie Militärschiffe. Bei einem anderen Ausflug fuhr sie in der Nähe des Assuan-Staudamms mit einem Schiff und freundete sich mit dem leitenden Offizier des Schiffs an. Nachdem er vor ihr damit geprahlt hatte, die Pläne des Staudamms zu besitzen, gelang es Isabel, sie unbemerkt zu fotografieren. Das Material leitete sie über Juan Antonios Familie in Spanien weiter: „Natürlich wussten sie nicht, was in den Umschlägen war.“

In einem der Hotels gegenüber den Pyramiden lernte sie einen hochrangigen Journalisten kennen, der der ägyptischen Regierung nahestand. Er machte sie mit einem hohen Offizier der Panzertruppe bekannt, der sie in einen vornehmen Sportclub einführte, in dem sich die Frauen der ägyptischen Oberschicht trafen. Über ihre Kontakte begegnete sie einem Fernsehmann, der ihr anbot, eine französischsprachige Fernsehserie über Kunst zu moderieren. Ein ägyptischer Filmproduzent schlug ihr vor, in einem Film über die Suche nach einem antiken ägyptischen Schatz mitzuspielen. Während all dieser Zeit widmete sich Isabel weiterhin der Malerei und Fotografie und stellte ihre Arbeiten aus, für die sie auch Preise erhielt.

Nach drei Jahren gefährlicher Arbeit kehrte Isabel 1965 nach Israel zurück, nachdem Eli Cohen in Damaskus und der Spion Wolfgang Lotz („der Champagner-Spion“) in Ägypten gefasst worden waren. Sie arbeitete weiter als Innenarchitektin. Ihre Gemälde stellte sie in der Schweiz, Deutschland, Belgien und Washington aus und erhielt auch dort Anerkennung und Preise.

Im Rahmen ihrer Arbeit gestaltete sie das Haus des ehemaligen Mossad-Chefs Isser Harel: „Seine Frau empfing mich, und ich krempelte bei ihnen alles komplett um ... Isser kam vorbei, sah sich um und sagte: ‚Sehr gut.‘ Mehr fügte er nicht hinzu. Er war so diskret, dass er mich nichts über Ägypten fragte.“

Isabel Pedro heiratete Ben Ami Kaplan, einen bekannten Kämpfer der Etzel und Sohn der Gründer von Rischon LeZion. Das Paar bekam zwei Söhne, Eilon und Assaf. „Das Ganze ging eigentlich von seiner Mutter aus. Sie verliebte sich in mich, packte mich und sagte: ‚Du gehörst mir.‘ Mein Mann hatte mich nicht einmal gesehen, bevor seine Mutter für ihn entschieden hatte. Nach der Hochzeit stellte sich heraus, dass einige seiner Verwandten und Freunde dem Mossad sehr nahestanden, sodass ich in dieselbe Großfamilie hineinkam. Ohne meine Vergangenheit wäre ich vielleicht nicht ausgerechnet dort gelandet“, erzählte sie nostalgisch. Auf die Frage „Was sagen die Kinder über ihre Spionagemutter?“ antwortete sie schlicht: „Viele Jahre lang wussten sie überhaupt nichts davon. Ich hatte es ihnen nicht erzählt. Später, als sie von diesem Abschnitt meiner Vergangenheit erfuhren, fanden sie es ganz selbstverständlich. Das ist ihre Mutter. Sie ist eben eine taffe Frau.“

Isabel Pedro starb am 27. April 2023 in Tel Aviv im Alter von 89 Jahren.