Ein konvertierter Jude, der mit Antiquitäten handelte und sie manchmal sogar selbst „herstellte“. Doch war seine größte Fälschung tatsächlich eine Fälschung? Zwischen Wirklichkeit und Fantasie...

Sein Tod in Rotterdam und seine Anfänge
Am 11. März 1884 fiel ein einzelner Schuss im kleinen Hotel Blommendal in Rotterdam. Dorthin war zwei Tage zuvor ein aufgewühlter Tourist gekommen, der sich in seinem Zimmer eingeschlossen und dort seinem Leben ein Ende gesetzt hatte. Mit seinem Tod hinterließ er mehrere Rätsel, die bis heute ungelöst sind. Die Umstände, die ihn dazu brachten, sich das Leben zu nehmen, hätten ohne Weiteres die Vorlage für einen großartigen Hollywood-Thriller abgeben können - mit Intrigen, Lügen, viel Geld, Prestige, Neid und vielem mehr.
Moses Wilhelm Schapira wurde 1830 in Kiew in der Ukraine geboren. Als Erwachsener begann er, von Ort zu Ort zu ziehen, und trat zum Christentum über. 1856 kam er mit seinem Onkel nach Jerusalem, um seinen Vater zu suchen, der schon vor ihm ins Land gekommen war. Dort lernte er die britischen Missionare kennen, die in der Stadt tätig waren, und sie stellten ihn in ihrer Werkstatt ein. Moses, der mit einer doppelten Portion Charisma und großer persönlicher Ausstrahlung gesegnet war, begann nach drei Jahren selbst zu predigen. Doch die Arbeit im Dienste Gottes interessierte ihn nicht sonderlich, und sein Ziel war es, reich zu werden. 1861 heiratete er die Krankenschwester Rosetta, eine Deutsche, die aus missionarischen Beweggründen ins Land gekommen war. Das Paar bekam zwei Töchter: Elizabeth und Maria.
Der Buch- und Antiquitätenladen
Moses verließ den Missionsdienst und eröffnete in der Straße der Christen ein eigenes Geschäft für Bücher und Antiquitäten. Auf dem Schild seines Ladens stand: „Korrespondent des British Museum“. Schapira besaß einen besonderen Charme, der vor allem auf Touristinnen wirkte. So beschrieb ihn seine Tochter Miriam: „Besonders gern diskutierten sie lange mit ihm über Bibelverse, und wenn er ihnen einen Vers in hebräischen oder arabischen Buchstaben auf ein Täfelchen aus Olivenholz schrieb, kamen sie näher, um den Federstrich zu betrachten. Wenn sie schön waren, lud er sie ein, sich auf den Diwan zu setzen, bewirtete sie mit Kaffee und besprengte sie mit Rosenwasser.“ Sein größter Stolz war es, ein autorisierter Agent des British Museum zu sein. Er vermittelte jedem Touristen das Gefühl, ein Stück Geschichte aus dem Land Israel mitzunehmen, das vielleicht sogar Jesus berührt hatte. Selbst der Duft einer gerade gekauften getrockneten Blume schien derselbe zu sein, den einst der Messias wahrgenommen hatte.

Bei der Mission lernte Moses einen deutschen Pastor namens Frederick Augustus Klein kennen, der 1868 nahe dem jordanischen arabischen Dorf Dhiban eine Stele aus Basalt entdeckte. In die Oberfläche der Stele waren Zeilen einer Inschrift eingemeißelt. Die Inschrift wurde abgeschrieben und als Dankesworte des moabitischen Königs Mescha an den Gott Kemosch entschlüsselt, der ihn vor dem Heer des israelitischen Königs Omri gerettet hatte. Es handelte sich um die berühmte Mescha-Stele. Damals war sie die aufregendste Entdeckung überhaupt. Sie entfachte große Begeisterung, denn sie war der erste außerbiblische Beleg für ein im Tanach beschriebenes Ereignis. Bei der Entzifferung der Stele half der französische Archäologe Charles Clermont-Ganneau, ein Kenner der Region des Landes Israel. Die Mescha-Stele wurde von den Franzosen erworben und im Louvre in Paris ausgestellt, wo sie sich bis heute befindet.
Schapira erkannte das geschäftliche Potenzial, das in der aufregenden Entdeckung der Mescha-Stele lag. Bald fiel ihm auf, dass die Schrift auf der Stele mit der auf Tonscherben übereinstimmte, die in seinen Laden gelangt waren und die seiner Kenntnis nach aus dem Land Moab stammten. Schapira nahm Kontakt zu mehreren deutschen Museen auf und zeigte ihnen diese Tonscherben und Figurinen, die in derselben Sprache beschriftet waren wie die Mescha-Stele. Die deutschen Museen, die aus dem Fehlschlag beim Kauf der Mescha-Stele gelernt hatten, die ihr Landsmann entdeckt hatte, beeilten sich, Schapira alle moabitischen Tonscherben abzukaufen, die in seine Hände gelangten.
Clermont-Ganneau kam, um die Tonscherben und Figurinen zu untersuchen, und erklärte bald, die Scherben seien gefälscht. Tatsächlich gelang es Clermont-Ganneau, Schapiras Mitarbeiter Salim al-Khuri zu bestechen und ihm ein Geständnis zu entlocken: Die Tonscherben seien „hausgemacht“.
Salim al-Khuri war selbst ein Fälscher. Al-Khuri versuchte sogar, einen Sarkophag zu verkaufen, von dem er behauptete, er enthalte die Überreste König Davids oder seines Sohnes Salomo. Der amerikanische Konsul in Jerusalem war bereits eingeweiht und bereit, mehrere tausend Pfund für den Sarkophag zu zahlen. Der Kauf wurde im letzten Augenblick verhindert, als man herausfand, dass die Inschrift auf dem Sarg nichts anderes war als eine Abschrift der Siloah-Inschrift, die Al-Khuri angefertigt hatte, bevor das Original nach Istanbul gebracht worden war.
Schapira, dessen guter Ruf Schaden genommen hatte, geriet in Wut. Er beschuldigte Salim, ihn in die Affäre um die moabitischen Tonscherben hineingezogen und ihm und seinen deutschen Freunden Schande und Demütigung eingebracht zu haben. Schapira wandte sich wieder späteren Handschriften zu, vor allem Torarollen und Mesusot, die er auf seinen Reisen zu jüdischen Gemeinden im Osten erworben hatte.
Die Lederfragmente aus dem Deuteronomium
Schapiras Geschäfte florierten wieder, und er knüpfte gute Beziehungen zu den muslimischen Würdenträgern der Gegend. Einmal war er bei einer Feier zu Gast, die ein Scheich ausrichtete. Einer der Gäste erzählte ihm von einer Gruppe Beduinen, die in einer der Höhlen am Fluss Arnon einen Tontopf gefunden hatte, der mit Lehm versiegelt war. Da sie glaubten, auf einen Schatz gestoßen zu sein, zerschlugen sie ihn. Zu ihrer Enttäuschung fanden sie darin nichts als ein paar modrige Lumpen, in die dunkle Lederstücke eingewickelt waren. Auf diesen Lederstücken stand eine seltsame Schrift. Einer der Beduinen nahm ein solches Lederstück als Amulett mit. Wie sich herausstellte, erfüllte das Amulett seinen Zweck, und der Mann kehrte wohlbehalten nach Hause zurück.
Schapira zeigte sofort Interesse an diesen Lederstücken. Es gelang ihm, fünfzehn gefaltete Pergamentstücke zu einem niedrigen Preis zu erwerben. Als er den Text untersuchte, wurde ihm klar, dass die Schrift der moabitischen Schrift auf der Mescha-Stele sehr ähnlich war. Als er den Text entzifferte, stellte er zu seinem Erstaunen fest, dass es sich um Abschnitte aus dem Buch Deuteronomium handelte: „Dies sind die Worte, die Mose jenseits des Jordans zu Israel gesprochen hat...“ Mehr noch: Auf diesen Stücken waren die elf Gebote niedergeschrieben. Das elfte Gebot lautete: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Die fieberhafte Beschäftigung der europäischen Archäologen mit der Entdeckung von Funden, die der frühen biblischen Zeit zugeschrieben wurden, ließ nicht nach, sondern nahm sogar noch zu. 1880 wurde im Siloah-Tunnel eine eingemeißelte Inschrift entdeckt, die den Bau des Tunnels dem judäischen König Hiskia zuschrieb. Wieder ein biblischer Fund, verfasst in althebräischer Schrift.
Schapira hielt die Angelegenheit mit den Handschriften weiterhin geheim und wartete auf den richtigen Augenblick, der 1883 gekommen war. Im Mai reiste Schapira nach London und wandte sich dort an den Palestine Exploration Fund, dessen Schirmherrin niemand Geringeres als Königin Victoria persönlich war. Im Juli 1883 berichtete Schapira den führenden Vertretern des Funds von seiner Entdeckung und seiner Absicht, sie zu verkaufen. Er nannte eine Summe von einer Million Pfund Sterling, was heute etwa sieben Milliarden Dollar entspricht.
Die Entdeckung und Schapira wurden zum Gesprächsthema des Tages. Über die Lederstücke wurde auf den vorderen Seiten der meisten europäischen Zeitungen berichtet, und die Begeisterung für die Funde erreichte ungeahnte Höhen angesichts der Möglichkeit, dass die Originalhandschrift des Buches Deuteronomium zum Besitz des Britischen Empire werden könnte. Dabei ist zu beachten, dass zwischen Franzosen und Briten seit jeher Rivalität herrscht - in allen Bereichen. Erzielt die eine Seite einen Erfolg, versucht die andere, sie zu übertreffen. Der Besitz von Schapiras Entdeckung war also gewissermaßen eine spöttische Geste gegenüber den Franzosen, die damals die Mescha-Stele besaßen.
Am 10. August veröffentlichte die Londoner Times den ersten Teil der Texte. Drei Tage später wurden im British Museum zwei der fünfzehn Lederstücke ausgestellt, sorgfältig in eine besondere Glasvitrine gelegt. Auch der britische Premierminister William Gladstone gehörte zu den Besuchern des Museums.
Am 15. August traf der Forscher Charles Clermont-Ganneau in England ein. Noch am selben Tag eilte er ins British Museum und fand dort Schapira und den Forscher Dr. Christian David Ginsburg, den ranghöchsten Vertreter des Museums. Sie saßen am Arbeitstisch und untersuchten die Handschrift. Clermont-Ganneau bat darum, sich der Untersuchung anschließen zu dürfen, doch Ginsburg bat um zwei Tage Bedenkzeit. Nach zwei Tagen teilte Ginsburg Clermont-Ganneau mit, dass Schapira gegen seine Teilnahme sei. Dem Franzosen blieb nichts anderes übrig, als sich die beiden Streifen, die in der Glasvitrine ausgestellt waren, wie jeder andere Besucher anzusehen. Am selben Tag erschien in der Times auch der zweite Teil der übersetzten Texte.
Am 21. August 1883 ließ Clermont-Ganneau die eigentliche Bombe platzen: Seiner Behauptung nach waren die Lederstücke aus dem Buch Deuteronomium eine Fälschung! Außerdem veröffentlichte er in der Times einen Artikel, in dem er von der Weigerung Ginsburgs und Schapiras berichtete, ihm die Originalhandschrift zu zeigen. Seiner Ansicht nach handelte es sich um eine dreiste und unverschämte Fälschung. Clermont-Ganneau schloss mit der spöttischen Feststellung, er könne dem stetig wachsenden Bestand des British Museum binnen weniger Tage und zu einem weit niedrigeren Preis als einer Million Pfund Sterling das Buch Levitikus beschaffen.
Der Zusammenbruch in London und Rotterdam
Das Museum sagte das Geschäft umgehend ab. Schapira verließ Großbritannien und begab sich auf eine ziellose Reise durch Europa. Er schrieb mehrere Briefe an seine Familie, machte sich aber nicht einmal die Mühe, sie abzuschicken. Am 9. März 1884 kam er im kleinen Hotel Blommendal in Rotterdam an. Zwei Tage später, nachdem er sein Zimmer lange Zeit nicht verlassen hatte, bat der Hotelbesitzer die Polizei von Rotterdam, die Zimmertür aufzubrechen. Dort fanden die Polizisten die Leiche von Wilhelm Moses Schapira, der sich mit einem einzigen Schuss in den Kopf das Leben genommen hatte.
Über diese Affäre wurden mehrere Bücher geschrieben. Das erste davon war „Die kleine Tochter Jerusalems“, das seine Tochter Miriam verfasste. Unter anderem berichtete sie von dem Schock, der sie erfasst hatte, als die Nachricht von dem Antiquitätenbetrug bekannt wurde, in den ihr Vater verwickelt war. Ihren Vater hatte sie geradezu verehrt. Sie schrieb, die Familie sei von einem schweren finanziellen Schlag getroffen worden. Sie selbst habe mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Jerusalem verlassen und nach Deutschland, in die Heimat der Mutter, ziehen müssen. Miriams ältere Schwester Elizabeth, die, wie bereits erwähnt, den Sohn eines mit dem Antiquitätenhändler befreundeten Pastors heiraten sollte, wurde von dessen Familie verstoßen, und die Verlobung mit dem Sohn wurde gelöst. Miriam wanderte nach Frankreich aus und wurde ausgerechnet dort in der Gesellschaft gut aufgenommen. Sie beherrschte bald die Sprache und erwarb sich einen Namen als begabte Schriftstellerin. Miriam starb 1958 im Alter von 88 Jahren in Paris. Die Geschichte von Wilhelm Moses Schapira findet sich auch in Schulamit Lapids Buch „Wie eine zerbrochene Tonscherbe“ sowie in Hanan Tigays „The Lost Book of Moses: The Hunt for the World’s Oldest Bible“.
64 Jahre nach dem Ereignis streifte ein Beduinenhirte durch dieselbe Gegend, in der Moses Schapira zufolge die Lederstücke gefunden worden waren. Auf der Suche nach einer seiner entlaufenen Ziegen gelangte der Hirte zu einer Höhle. Er warf einen Stein hinein, der einen versiegelten Tontopf traf... und der Rest ist bekannt... So wurden die Schriftrollen vom Toten Meer entdeckt, darunter auch ein Teil des Buches Deuteronomium. Sie werden im Jerusalemer Schrein des Buches aufbewahrt.
Die Entdeckung der Schriftrollen in derselben Gegend warf die Frage auf, ob das damalige Urteil, Schapiras Schriftrollen seien gefälscht, nicht vorschnell gefällt worden war. John Marco Allegro, ein Forscher des britischen Dead Sea Scrolls Fund, führte eine umfassende Untersuchung durch und kam zu dem Schluss, dass es sich möglicherweise nicht um einen Fall von Antiquitätenfälschung handelte, sondern um eine der größten verpassten Gelegenheiten in der Geschichte der Archäologie. Da die Lederstücke nicht mehr vorhanden sind - vermutlich verbrannten sie -, werden wir die Antwort wahrscheinlich niemals erfahren.





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