Ihr Traum, im Land Israel ein verbindendes Zentrum für alle Strömungen des Christentums und die anderen Religionen zu schaffen, wurde wahr, aber nur für kurze Zeit ...

Alice May Carey stammte weder aus einer wohlhabenden noch aus einer angesehenen Familie und bekleidete auch kein wichtiges religiöses Amt. Sie hatte einen Traum und war entschlossen. Mit einem kleinen Schritt setzte sie etwas in Bewegung: den Traum vieler Menschen von Frieden und Brüderlichkeit zwischen den Völkern und Religionen. Diesen Traum wollte sie in dem Land verwirklichen, das den drei monotheistischen Religionen heilig ist.

Alice May Carey wurde im November 1879 in Saint Peter Port geboren, der Hauptstadt und dem größten Hafen der Insel Guernsey mitten im Ärmelkanal, nahe der französischen Küste.

Alice May besuchte das Land Israel zum ersten Mal, als sie 44 Jahre alt war. Sie arbeitete ehrenamtlich an der Warburton High School, die der anglikanischen Mission angehörte. Dort war sie Hausmutter und unterrichtete die jüngeren Klassen in Englisch. Ein Jahr später teilte ihr die Schulleitung mit, dass ihre Dienste nicht länger benötigt würden, da die Einrichtung wachsen werde und man eine Hausmutter mit der Erfahrung einer Krankenschwester suche, die sich um die Gesundheit der Schüler kümmern könne.

Die Gründung des Bergs der Heimsuchung

Alice May Carey verließ die Schule und zog 1923 nach Ein Kerem, das damals ein Dorf nahe Jerusalem war. Sie entdeckte, dass es in Ein Kerem schon seit vielen Jahren christliche Aktivitäten gab. Zunächst war die Kirche Johannes in den Bergen vom Franziskanerorden errichtet worden, und zwar bereits 1674. Danach entstanden ein Kloster und eine Kirche des Ordens der Schwestern von Zion, der vom konvertierten Juden Alphonse Ratisbonne gegründet worden war und 1860 seine Tätigkeit aufgenommen hatte. Ein Jahrzehnt später errichtete Antonin Kapustin ein Observatorium und ein Dorf für russische Pilger. Ein weiteres Jahrzehnt später gründete der französische Orden der Weißen Väter ein Kloster und ein Waisenhaus. Danach errichteten die Griechen im Ortszentrum die Kirche Johannes des Täufers. Nonnen des Rosenkranz-Schwestern-Ordens gründeten das Mädchenwaisenhaus, und einige Jahre später bauten die Franziskanerinnen eine Mädchenschule.

Die rege religiöse Tätigkeit im Dorf rührte daher, dass es im Christentum als heilig gilt. Der christlichen Überlieferung zufolge wurde Johannes der Täufer hier geboren. Er war der Sohn von Elisabeth und Zacharias, der aus einer Priesterfamilie stammte, die im Tempel gedient hatte. Johannes taufte Jesus und verkündete, dass er der Sohn Gottes sei. Elisabeth, die Mutter Johannes' des Täufers, war mit Maria, der Mutter Jesu, verwandt. Als Maria erfuhr, dass Elisabeth nach Jahren der Unfruchtbarkeit schwanger geworden war, kam sie zu Besuch zu ihr - daher der Name „Berg der Heimsuchung“. Als Maria nach Hause zurückkehrte, erfuhr sie, dass sie selbst schwanger war.

Ein Jahrzehnt später begann in Alice Mays Kopf die Idee Gestalt anzunehmen, einen Gebäudekomplex mit einem Gebetshaus (Shrine) für die Anhänger der drei Religionen - des Judentums, des Christentums und des Islam - zu errichten. Den ersten Schritt zur Verwirklichung dieser Idee unternahm sie 1933, als sie sich an den Fonds wandte, der die Hundertjahrfeier der Gründung der anglikanischen Christuskirche in Jerusalem finanzierte. Alice May schlug vor, in Jerusalem ein College und ein Gebetshaus zu errichten, erhielt jedoch eine Absage mit der Begründung, dass der Fonds bereits zahlreiche Anträge vorliegen habe. Sie ließ sich nicht entmutigen und reiste nach London, um die führenden Vertreter der anglikanischen Kirche für die Verwirklichung ihrer Vision zu gewinnen. Einer von ihnen war Erzbischof Anastasy, der bereit war, das Grundstück zu weihen und damit das Interesse anderer Spender zu wecken, die in das geweihte Land investieren würden. Sie traf auch den anglikanischen Bischof von Jerusalem, Dr. George Francis Graham Brown, und bat auch ihn, das Grundstück zu weihen. Die entschlossene Alice May Carey wandte sich sogar an den Papst, um auch ihn für ihr Vorhaben zu gewinnen.

Gegen Ende desselben Jahres kaufte Alice May etwa 50 Dunam auf dem Gipfel des Berges Ora, nahe Ein Kerem. Heute befinden sich dort die Siedlungen Ora und Aminadav, das Hadassah-Krankenhaus Ein Kerem und Yad Kennedy. Bis dahin hatte der Berg Ras al-Rab („Berg des Herrn“) geheißen; christliche Missionare nannten ihn „Zebul des Friedens“ (Shrine of Peace). Alice May gab dem Ort den Namen „Berg der Heimsuchung“ (Visitation). Überraschenderweise gelang es Alice May, die Katholiken für das „Unternehmen“ zu gewinnen, die Orthodoxen dazu zu bringen, sich nicht dagegenzustellen - anders als sonst - und die Muslime, denen das Land gehörte, für das Geschäft zu begeistern.

Zwei Jahre später wandte sie sich an den Erzbischof von Canterbury und bot ihm „einen sehr schönen Ort, etwa zwölf Acres groß, mit 30 Weinstöcken, Obstbäumen und Bäumen ... als Stätte für ein immerwährendes Gebet um ewigen Frieden und die Einheit der christlichen Welt sowie für alle Monotheisten, die um den ewigen Willen beten. Dieser Ort liegt auf dem Gipfel des ‚Berges der Heimsuchung‘ ...“ Sie fügte hinzu, dass die Russen, die orthodoxen Griechen, die Katholiken und die Anglikaner bereits bereit seien, sich ihrem Vorhaben anzuschließen, und auch die Armenier und Syrer das Land zu weihen bereit seien. Sie glaube, dass künftig auch die Kopten und Äthiopier ihren Plan unterstützen würden. Neben dieser Unterstützung erwähnte sie, dass die Franziskaner und Benediktiner ihre Hilfe zugesagt hätten. Auch Juden und Muslime hätten den starken Wunsch geäußert, gemeinsam mit den Christen für Frieden und Einheit zu beten. Der Scheich, der die Grabeskirche bewachte, habe versprochen, zu den Ersten zu gehören, die kommen würden, um an diesem Ort zu beten. In ihrem Brief an den Erzbischof von Canterbury ließ sie ihn verstehen, dass das Vorhaben so oder so beginnen werde und es besser wäre, wenn er sich die Gelegenheit zum Mitmachen nicht entgehen ließe. Gleichzeitig druckte sie Flugblätter und sammelte Spenden. Unter den Spendern waren auch christliche Pilger aus den unterschiedlichsten christlichen Richtungen.

Noch bevor sie das Grundstück kaufte, stieg Alice May Carey gemeinsam mit ihrem Freund Austen St Barbe Harrison hinauf, dem Chefarchitekten der britischen Mandatsregierung im Land Israel und einem überzeugten Anglikaner. Zusammen stellten sie einen Stein auf, der den Beginn des Gottesdienstes auf dem Berg markieren sollte. Barbe Harrison entwarf mehrere bekannte Gebäude im Land, darunter den Amtssitz des Hochkommissars (1928), das Rockefeller-Museum (1930) und das Hauptpostamt (1934). Ein kurzer Blick genügt, um Ähnlichkeiten zwischen diesen Gebäuden und dem auf Initiative von Alice May errichteten Bau zu erkennen und zu vermuten, dass auch dieser auf dem Berg von ihm entworfen wurde.

Dank der Spenden, die sie gesammelt hatte, stand 1937 bereits ein kleines Gebetshaus, in das Alice May Vertreter aller Religionen zum Gebet einlud. Neben dem Gebetshaus wurden zwei Gebäude errichtet, eines für Frauen und eines für Männer, jedes mit sechs Zimmern. Das Gebetshaus sollte wenigen Menschen als Ort der Zurückgezogenheit und Inspiration dienen und war deshalb sehr schlicht gestaltet und bot eine intime Atmosphäre. Da es nur für kurze Aufenthalte gedacht war, gab es dort weder Einrichtungen für Gebet und Gottesdienst noch Bücherregale oder Toiletten. Alice May zog an den Ort, lebte dort aber die meiste Zeit allein und nur gelegentlich mit einer Helferin oder einem Helfer. In ihrer Vision sollte der Ort als Zentrum christlicher Freiwilligenarbeit dienen, als Treffpunkt aller Strömungen des Christentums und künftig auch aller Religionen.

Der Vertrag mit dem Bistum

Nach Abschluss der Bauarbeiten erkannte Alice May Carey, dass sie den Unterhalt des Gebäudes nicht finanzieren konnte. Deshalb beschloss sie, es der anglikanischen Kirche zu überlassen, die die Verantwortung und die Kosten für den Ort übernehmen sollte. Der Bischof schlug ihr vor, das Anwesen der Jerusalem and the East Mission zu übertragen. Außerdem schlug er vor, am Ort Predigten und Unterricht für die Bewohner der umliegenden Dörfer abzuhalten und für die Wiedervereinigung der Kirche sowie für bessere Beziehungen zwischen Juden und Muslimen zu beten. Zu keinem Zeitpunkt schlug der Bischof das vor, wovon sie geträumt hatte - gemeinsame Gebete von Gläubigen der drei Religionen. Vielleicht überließ sie ihm das Anwesen deshalb nicht. Schließlich wurde ein Kompromiss erreicht: Die Gebäude sollten für fünf Jahre an eine der christlichen Gemeinden vermietet werden. Während dieser Zeit sollte Alice May Carey einen Plan ausarbeiten, der ihr helfen würde, das nötige Geld für den Unterhalt des Ortes aufzubringen und ihren Traum zu verwirklichen. Der Bischof hoffte, dass Alice Mays Traum innerhalb dieser fünf Jahre verblassen und er sie dann leicht davon überzeugen würde, ihm das Anwesen zu übertragen. 1939 wurde die Vereinbarung unterzeichnet. Zu ihren Bestimmungen gehörten:

Carey überträgt ihren Besitz in Ras al-Rab der Diözese von Jerusalem und dem Osten, um die Errichtung des Reiches Gottes im Heiligen Land und von dort aus voranzutreiben. Sie bittet darum, die Mittel für ein ständiges Gebet, für Fürbitte zugunsten des Friedens und der Einheit der Kirche sowie für liturgische Zeremonien zu verwenden.

Der Bischof wird die Treuhänder der Mission bitten, das Anwesen für die Missionsarbeit zu übernehmen. Außerdem wird er vorschlagen, dass die Gemeinschaft der Schwestern der Liebe Gottes dort eine Niederlassung gründet und gemeinsam mit dem Verein des heiligen Johannes des Predigers tätig wird.

Der Bischof wird den Treuhändern empfehlen, den Bau eines zusätzlichen Stockwerks in der Herberge zu genehmigen.

Der Bischof wird den Treuhändern den Erwerb weiteren Landes empfehlen.

Nach der Unterzeichnung der Vereinbarung begann der Verein des heiligen Johannes des Predigers, Geld für den Unterhalt des Ortes bereitzustellen. Im November 1939, in den ersten Tagen des Zweiten Weltkriegs, fand im Beisein einer kleinen Gruppe eine Feier zur Einweihung der Kirche statt. Der Bischof sprach ein Gebet und segnete den Stein, und Alice May legte ihn an seinen Platz. Der bekannte Geograf Ze'ev Vilnay, der an der Veranstaltung teilnahm, nannte sie „traurig und erbärmlich“. Erst zwei Jahre später, als amerikanische, syrische, libanesische und zyprische Flüchtlinge, Missionare und andere dort eintrafen, erwachten die Gebäude zum Leben. Bisweilen hielten sich bis zu vierzig Menschen dort auf, darunter kleine Kinder; einige von ihnen wohnten in Careys Privathaus. In dieser Zeit kamen sowohl Juden als auch Araber. Alle aßen zusammen und alle beteten zusammen. Es schien, als würde der Ort seine Bestimmung erfüllen und zu einem Gebetshaus für viele Völker werden.

Leslie Farmer, eine fromme Christin, die damals als Reisende unterwegs war, schrieb: „Schließlich stiegen wir auf dem gewundenen Pfad durch das russische Dorf am Westhang hinauf ... bis wir ganz oben auf dem Gipfel den ‚Zebul des Friedens‘ fanden ... Der ‚Zebul des Friedens‘ ist ein weißer, sich nach oben verjüngender Kegelbau aus Stein, den Miss Carey, eine gebürtige Guernseyerin und eine beliebte, gütige Dame aus Ein Kerem, auf diesem hohen Hügel neben ihrer Herberge errichtet hat. In den letzten Jahren diente die Herberge Missionaren und anderen aus Ägypten, Palästina und darüber hinaus als Zufluchtsort. Eines Tages, so hofft sie, wird sie ein Kloster der anglokatholischen ‚Schwestern der Liebe Gottes‘ sein. Wenn wir ankamen, gingen die Männer gewöhnlich in das kleine Allerheiligste (sanctuary), knieten sich auf einen blauen Wollteppich und beteten gemeinsam für den Frieden: Frieden in unseren Herzen, Frieden in der Kirche, Frieden in der Welt. Halbmonde und Davidsterne sind zusammen mit Kreuzen in einer schönen Symbolik verwoben, denn der Ort wurde als Gebetsstätte für Muslime und Juden ebenso wie für Christen gestaltet. In einer Ecke befindet sich ein griechisches Kreuz mit einem schrägen Balken, der den ‚reuigen Schächer‘ symbolisiert, der ins Paradies kam.“

Eine ähnliche Beschreibung findet sich in Chaim Be'ers Buch „Federn“: „... Und bei Sonnenuntergang stiegen sie gemeinsam hinauf zum Zebul auf dem Gipfel des Berges des Herrn der Welten, der sich über Ein Kerem erhebt, und jeder versenkte sich in seiner eigenen Nische in das Gebet zu seinem Gott - in einer der Nischen, die Miss Carey für jede der drei monotheistischen Religionen vorgesehen hatte, oder in der vierten Nische, die für die Nichtreligiösen unter ihren Gästen bestimmt war ... ‚Wach auf, wach auf, wir sind nicht in der Schule‘, fuhr Leder dazwischen und sagte, Miss Careys größte Schwäche sei ihr romantischer Blick gewesen, mit dem sie das Leben betrachtet habe ... Miss Carey hatte in Ras al-Rab tatsächlich Häuser voller guter Dinge errichtet, die auf Anhänger ihrer Idee warteten, die aus aller Welt herbeiströmen, bei ihr wohnen und ihr helfen würden, ihre Idee von der Vereinigung aller Religionen zu verwirklichen. ‚Aber die Häuser sind nicht das Wichtigste‘, sagte Leder. ‚Die Häuser, sofern sie noch stehen und nicht im Krieg zerstört wurden, werden sicherlich von der Sozialabteilung übernommen, die sie wegen ihrer Abgeschiedenheit von der Stadt in ein Sanatorium für psychisch Kranke oder in eine Zufluchtsstätte für ‚verhaltensauffällige‘ Mädchen verwandeln wird. Die Kirche wiederum wird eines Tages vom Militär übernommen werden, das sie wegen ihrer hohen Lage zu einer Basis für Langstreckenantennen machen wird.‘“ (Chaim Be'er, „Federn“, S. 86-88).

Die Räumung des Ortes und seine Verstaatlichung

Gegen Ende des Jahres 1941 stand der Ort leer und Alice May blieb allein zurück. Zwei Jahre später wurde er an das Polnische Rote Kreuz vermietet.

An einem der heißen Tage des Jahres 1944 fühlte sich Alice May auf dem Weg zum Berg unwohl. Es stellte sich heraus, dass sie an Arteriosklerose litt. Ende Juli desselben Jahres zog sie nach England und verfiel in eine tiefe Depression, nachdem sie erkannt hatte, dass sie die Kontrolle über den „Berg der Heimsuchung“ verloren hatte. Ein Jahr später kehrte sie in ihre Geburtsstadt Guernsey zurück, und ihr Zustand verschlechterte sich. Während Alice May Carey abwesend war, wurden zwei von der Mission angestellte Wächter mit der Aufsicht über den Ort betraut. Doch 1947, am Vorabend des Unabhängigkeitskriegs, drang eine Einheit der Arabischen Legion auf das Gelände vor. Gegen Mitte 1948 wurde das Gelände von der israelischen Armee eingenommen, als südliche Grenze Jerusalems festgelegt und für Zivilisten gesperrt. Frieden, Einheit und Brüderlichkeit waren nicht mehr in Sicht.

1956 wurden das Gelände und die darauf befindlichen Gebäude an den Staat Israel verkauft. Der Ort wurde zu einem Militärstützpunkt, in dessen Zentrum sich das Heiligtum befindet, das heute als Kulturraum dient. Das Gebäude wurde im Jahr 2000 unter Aufsicht des Rates für Denkmalpflege renoviert. Eine Herberge blieb auf dem Gelände des Stützpunkts; zwei weitere befinden sich auf dem Gelände von Mesila, einer geschlossenen Einrichtung für gefährdete Mädchen.

Am 3. September 1957, etwa ein Jahr nachdem das Gelände in den Besitz des Staates Israel übergegangen war, starb Alice May Carey im Brookwell Hospital auf der Insel Guernsey.

Heute ist das Gebäude nicht zugänglich, ebenso wenig wie Frieden und Brüderlichkeit ...