In der dunkelsten Zeit der Menschheitsgeschichte, als die grausame Mordmaschinerie mit voller Kraft arbeitete, war der Mut der Einwohner des kleinen Städtchens, die sich für die Rettung Tausender Juden einsetzten, ein Lichtstrahl in der Finsternis.
Le Chambon-sur-Lignon und die Rettung
»Und dein ganzes Volk ist gerecht« steht auf dem Denkmal am Meer, das den Mut der Einwohner eines Städtchens in Südfrankreich würdigt. Le Chambon-sur-Lignon war und ist ein kleines protestantisches Städtchen inmitten einer katholischen französischen Bevölkerung. Im kleinen Garten im Herzen des Ortes wurde eine Tafel aufgestellt, die den Mut seiner Einwohner beschreibt. Sie retteten rund 5.000 Juden vor dem sicheren Tod durch die Nazis und riskierten dabei ihr eigenes Leben. »Es musste getan werden, und das Schicksal wollte, dass wir hier waren, um es zu tun. Diesen Menschen zu helfen war das Natürlichste auf der Welt«, sagten die Einwohner über die Rettungsaktionen, an deren Spitze der Ortspfarrer und seine Frau, André und Magda Trocmé, standen.

Die Wege von André und Magda
André Trocmé wurde im April 1901 in einer wohlhabenden Familie im Dorf Saint-Quentin (Saint Quintin, Aisne) im Norden Frankreichs geboren. Sein Vater Paul war ein protestantischer Industrieller, seine Mutter Paula Schwertmann stammte aus Deutschland. Schon in jungen Jahren besaß er einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und große Empathie und wusste seine Ansichten zu vertreten. Als mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs noch nicht abzusehen war, wie groß das bevorstehende Unglück sein würde, erklärte der damals 13-Jährige, zum Unverständnis seiner Familie, dass er Pazifist sei. Trotz seiner Überzeugungen verzichtete er nicht auf den Militärdienst. Nach Kriegsende begann er in Paris Theologie zu studieren und setzte sein Studium im Alter von 24 Jahren in New York fort. Dort lernte er Magda Grilli di Cortona kennen. Ein Jahr später heirateten die beiden und bekamen vier Kinder.
Magda Elisa Larissa Grilli di Cortona wurde Ende 1901 in Florenz geboren. Ihr Vater Oscar, ein italienischer florentinischer Adliger, war Ingenieur und Oberst im italienischen Pionierkorps, ihre Mutter Nelly war Russin. Kurz nach Magdas Geburt starb ihre Mutter. Ihr Vater heiratete erneut, diesmal eine italienische Katholikin, und das Paar bekam drei Kinder. Inspiration fand Magda bei ihrer Großmutter mütterlicherseits, Woria Poggio Wysocki, einer starken, strengen und unabhängigen Frau, die in Sibirien geboren worden war, wohin ihr Vater vom Zaren verbannt worden war. Sie war orthodoxe Christin, hatte ihren Mann verlassen und war nach Florenz gezogen. Von ihrem 10. bis zu ihrem 18. Lebensjahr besuchte Magda ein katholisches Klosterinternat, in das ihre Stiefmutter sie geschickt hatte. Nach ihrem Abschluss studierte sie an einer Hochschule in Florenz. 1925 zog sie nach New York und studierte Sozialarbeit. Dort lernte sie den »Pazifisten« André Trocmé kennen.
Andrés erste Stelle war in der Siedlung Sin-le-Noble im Norden Frankreichs, wo er als geistlicher Leiter der hart arbeitenden Metallarbeiter und Bergleute tätig war. 1934 wurde André zum Pastor in Le Chambon-sur-Lignon ernannt. Der Ort war im 16. Jahrhundert von Hugenotten, französischen Protestanten, gegründet worden, die von der katholischen Kirche verfolgt wurden. Seitdem gehörten die Einwohner des Ortes einer religiösen protestantischen Minderheit innerhalb des katholischen Frankreichs an, einer Minderheit, die wegen ihres Glaubens verfolgt wurde. Vier Jahre nach seiner Ankunft gründete André Trocmé gemeinsam mit seinem Freund, dem Pfarrer Édouard Theis, das internationale Collège Cévenol (Lycée International Cevenol), das den örtlichen Bauern Bildung ermöglichen sollte. Das Collège erzog zu einer Liebe zum Menschen, unabhängig von dessen Religion. Doch die Idylle hielt nicht lange an und nahm mit Hitlers Aufstieg zur Macht in Deutschland eine andere Wendung. Mitte 1940 fiel die Naziarmee in Frankreich ein und setzte die Vichy-Regierung ein.
Die Waffen des Geistes und der Widerstand
Am Tag nach der Kapitulation hielten André Trocmé und sein Kollege Édouard Theis die Predigt, die als »Waffen des Geistes« bekannt wurde: »Wir dürfen nicht zu Sklaven werden und uns feige vor neuen Ideologien beugen. Machen wir uns nichts vor: Die Doktrin der totalitären Gewalt hat in den vergangenen Tagen in den Augen der Welt enormes Ansehen gewonnen ... Lasst uns wieder beginnen, einander zu vertrauen und einander zu grüßen, und uns bei jeder Begegnung daran erinnern, wie es die ersten Christen taten ... Scharen wir uns entschlossen um Jesus Christus ... Es ist die Pflicht der Christen, sich mit den Waffen des Geistes der Gewalt zu widersetzen, die auf ihr Gewissen ausgeübt wird. Wir rufen alle unsere Brüder in Christus dazu auf, sich nicht mit dieser Gewalt gemein zu machen ... Zu lieben, zu vergeben und unseren Gegnern Gutes zu tun, ist unsere Pflicht ... Wir werden Widerstand leisten, wenn unsere Gegner von uns verlangen, uns entgegen den Geboten des Evangeliums zu unterwerfen. Wir werden dies ohne Furcht tun, aber auch ohne Stolz und ohne Hass.« Die Predigt erschütterte die Einwohner, die während des gesamten Krieges eine Haltung des solidarischen, gewaltfreien Widerstands einnahmen.
Im Oktober 1940 erließ Marschall Pétain eine Anordnung, nach der bei verschiedenen Zeremonien der Hitlergruß zu zeigen war. Trocmé und seine beiden Kollegen an der Leitung des Collège, Édouard Theis und Roger Darcissac, erklärten, die Anweisung widerspreche ihrem Gewissen, und entschieden sich für Ungehorsam und gewaltfreien Widerstand.
Einen Monat nach dem Einmarsch in Frankreich, im Juli 1940, wurde rund 16.000 Juden die Staatsbürgerschaft aberkannt. Später wurde ihnen die Arbeit im öffentlichen Dienst verboten, und im August mussten sie bereits den gelben Stern tragen. Gegen Ende des Jahres wurden die Juden in Internierungslager im Süden Frankreichs gebracht. Damit begannen die Rettungsaktionen.
Die Rettungsaktionen begannen mit einer einzigen Flüchtlingsfrau, für die Magda bei Freunden ein Versteck fand. Es war klar, dass die Zahl der Flüchtlinge wachsen würde. Deshalb wandte sich André Trocmé an seine Gemeinde und bat sie, die Juden zu retten, oder, wie er sie nannte, »die Menschen der Bibel«. Die Einwohner des Ortes, die selbst wegen ihres protestantischen Glaubens verfolgt worden waren, sahen in den Juden Leidensgenossen und schlossen sich der Aufgabe an. Sowohl die Hugenotten als auch die Quäker, Christen, die sich für Frieden und Gewaltlosigkeit einsetzen, halfen dabei, die nötigen Mittel aufzubringen, um das Überleben der Juden zu sichern, die sie gerettet hatten. So wurde das Städtchen mit seiner Umgebung zu einer außergewöhnlichen Insel der Sicherheit mitten in der Hölle Frankreichs.
Als die Transporte aus den Internierungslagern in die Vernichtungslager begannen, nahmen die Rettungsaktionen an Umfang zu. Sie wurden wie eine sorgfältig geplante Militäroperation durchgeführt. Magda spielte eine bedeutende Rolle und war dafür verantwortlich, Familien zu finden, die bereit waren, sich in Gefahr zu bringen und den Juden zu helfen. Einige der Helfer warteten am Bahnhof und nahmen die Flüchtlinge gleich nach ihrer Ankunft in Empfang. Der Pfarrer Édouard Theis und seine Frau Mildred übernahmen es, die Juden in die benachbarte Schweiz zu schmuggeln. Sie besorgten ihnen gefälschte Ausweise und Lebensmittelkarten und führten sie auf geheimen Wegen zur Grenze mit der neutralen Schweiz. Dort übergaben sie die jüdischen Flüchtlinge an protestantische Helfer auf der anderen Seite, die sie in Sicherheit brachten. Es ist davon auszugehen, dass diese Aktionen rund 5.000 Juden retteten.
Die Nazis begannen, den Verdacht zu schöpfen, dass Rettungsaktionen stattfanden, und warnten André Trocmé. Seine Antwort war unmissverständlich: »Diese Menschen sind hierhergekommen, um Hilfe und Schutz zu erhalten. Ich bin ihr Hirte. Ein Hirte verlässt seine Herde nicht ... Ich weiß nicht, was ein Jude ist. Ich kenne nur Menschen.« Später drangen die Nazis in den Ort ein und suchten nach Juden. Einer der Einwohner erzählte: »Wenn die Soldaten wieder fort waren, gingen wir in den Wald und sangen ein Lied. Wenn die Juden das Lied hörten, wussten sie, dass sie gefahrlos herauskommen konnten.«
Im August 1945 besuchte Georges Lamirand, Minister in der Vichy-Regierung, den Ort und warnte André, seine Aktivitäten einzustellen. Die Lage war brisant und gefährlich, doch André Trocmé ermutigte seine Gemeinde weiterhin, »den Willen Gottes zu tun, nicht den Willen der Menschen«. Außerdem las er seiner Gemeinde die Stelle über Zufluchtsstädte vor: »Drei Städte sollst du dir aussondern in deinem Land, das der Herr, dein Gott, dir zum Besitz gibt ... damit jeder Totschläger dorthin fliehen kann ... Er soll in eine dieser Städte fliehen und am Leben bleiben ... Darum gebiete ich dir: Sonder dir drei Städte aus. Und wenn der Herr, dein Gott, dein Gebiet erweitert, wie er es deinen Vätern geschworen hat, und dir das ganze Land gibt, das er deinen Vätern zugesagt hat ... damit nicht unschuldiges Blut in deinem Land vergossen wird, das der Herr, dein Gott, dir als Erbbesitz gibt.« (Deuteronomium 19) Wenn schon für einen Mörder Zufluchtsstädte eingerichtet werden sollen, um wie viel mehr für Unschuldige.
Am 13. Februar 1943 wurden André Trocmé, Édouard Theis und Roger Darcissac verhaftet. Nach vier angespannten Wochen wurden sie jedoch auf wundersame Weise freigelassen und setzten ihre Arbeit mit noch größerer Vorsicht fort.
Erinnerung, Anerkennung und Erbe
5.000 Gerettete bedeuten Tausende Geschichten, und jede einzelne ist eine Welt für sich. Unter den Geretteten waren Alexander Grothendieck, einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts, und seine Mutter sowie Denise Sikorski, die 2003 bei der staatlichen Eröffnungszeremonie in Yad Vashem eines der sechs Gedenkfeuer entzündete. Die bekannteste Geschichte, die mit dem Ort verbunden ist, ist die des jüdischen österreichischen Jungen Éric Schwam. Im Alter von 13 Jahren floh Éric mit seinen Eltern und seiner Großmutter aus dem berüchtigten französischen Konzentrationslager Rivesaltes, aus dem die Familie ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert werden sollte. Im Sommer 1943 gelangte die Familie in Andrés Ort und wurde dort zwei Jahre lang versteckt.
Nach Kriegsende kehrten Éric Schwams Eltern nach Wien zurück, Éric selbst blieb jedoch im Ort. 1950 zog er nach Lyon, um Pharmazie zu studieren, und lernte dort seine spätere Frau kennen. Éric, der geschäftlich sehr erfolgreich war, vergaß den Ort und seine Einwohner nicht, die ihn und seine Familie gerettet hatten. Éric Schwam starb Ende 2020 im Alter von 90 Jahren. Wenige Wochen nach seinem Tod wandte sich der Nachlassverwalter Schwams an den Gemeinderat und teilte ihm mit, dass Éric Schwam dem Ort sein Vermögen hinterlassen hatte, das auf mehr als 2 Millionen Euro geschätzt wurde. »Gemessen an der Größe unseres Ortes ist das eine beträchtliche Summe«, sagte der Bürgermeister. Auf Schwams Wunsch hin beschloss die Gemeinde, das Geld in Bildungsprogramme und Aktivitäten für Kinder und Jugendliche zu investieren.
Nach Kriegsende setzte André Trocmé seine Friedensarbeit fort und wurde zum Sekretär der Europäischen Sektion der Internationalen Versöhnungsbewegung (MIR) ernannt. 1958 gehörte er zu den Ersten, die in Frankreich gegen das nukleare Wettrüsten demonstrierten. Von 1960 bis zu seinem Rücktritt 1970 stand er an der Spitze der französischen Föderation gegen nukleare Aufrüstung.
André war nicht das einzige Mitglied seiner Familie, das sich für die Rettung der Juden einsetzte. Sein Neffe Daniel Trocmé war Lehrer und leitete ein Internat in einem Dorf, in dem ebenfalls jüdische Kinder versteckt wurden. Im Juni 1943 überfiel die Gestapo die Schule und verhaftete Daniel zusammen mit 18 seiner Schüler. Er wurde beschuldigt, einen 16-jährigen jüdischen Jungen geschützt zu haben, und Anfang 1944 ins Vernichtungslager Majdanek deportiert. Dort wurde er ermordet. Er war erst 34 Jahre alt.
Anfang 1971 erkannte Yad Vashem André und Magda Trocmé als Gerechte unter den Völkern an. Mit ihnen wurden weitere 32 Einwohner des Ortes geehrt. Fünf Jahre später wurde auch Daniel Trocmé der Titel verliehen. 1990 wurde der gesamte Ort für seine Taten gewürdigt.
Die mutigen Taten der Einwohner des Ortes und des Ehepaars Trocmé wurden in Filmen und Büchern festgehalten. 1987 erschien der Film »Weapons of the Spirit« (frei übersetzt: »Die Waffen des menschlichen Geistes«) sowie der Film »Der Hügel der tausend Kinder« (La colline aux mille enfants), der von der Rettungsgeschichte inspiriert wurde.
Der Nobelpreisträger und Schriftsteller Albert Camus kam 1942 in den Ort, um sich von seiner Tuberkulose zu erholen, und hielt seine Erlebnisse aus dieser Zeit monatelang in seinem Tagebuch fest.
1979 schrieb Philip Paul Hallie das Buch »Damit kein unschuldiges Blut vergossen wird«, und 1998 schrieb Carol Matas das Buch »Greater Than Angels«. Beide erzählen die Geschichte der Einwohner des Ortes. Auch in dem erzählenden Werk »Die Drachen« des jüdischen Schriftstellers Romain Gary wird auf den Ort und die Arbeit von Magda und André Trocmé Bezug genommen. Das Buch endet mit dem Satz: »Und zum Schluss dieser Geschichte möchte ich noch einmal die Namen André Trocmé und Le Chambon-sur-Lignon nennen, denn ihresgleichen gibt es nicht.«
André Trocmé starb am 5. Juni 1971 im Alter von 70 Jahren in Genf. Magda Trocmé überlebte ihn und starb am 10. Oktober 1996 im Alter von 95 Jahren.





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