Der zweite sephardische Oberrabbiner des Staates Israel, der die Arbeit am Schabbat zum Schutz des Staates erlaubte und das Recht der Frauen unterstützte, zu wählen und gewählt zu werden.

Jerusalems Befestigungen und die Schabbat-Erlaubnis

Am 29. November 1947 nahm die jüdische Geschichte eine dramatische Wendung. An diesem Tag wurde bei den Vereinten Nationen das Ende des britischen Mandats in Palästina und die Gründung zweier unabhängiger Staaten in Palästina verkündet - eines jüdischen und eines arabischen Staates. Acht Stunden vor dem Ende des Mandats, das für den 14. Mai 1948 um Mitternacht festgelegt war, verkündete David Ben-Gurion die Gründung des Staates Israel. Allen war klar, dass der Krieg unmittelbar nach der Unabhängigkeitserklärung beginnen würde.

Zunächst war es das Ziel der Araber, Jerusalem zu erobern. Im Rahmen der Operation „Kilshon“ („Heugabel“), die am selben Tag begann, schlossen sich die Kräfte der Irgun und der Etzioni-Brigade zusammen. Ihr Auftrag lautete, „das jüdische Gebiet Jerusalems ... vor dem Eindringen von Streitkräften zu schützen, insbesondere vor motorisierten und gepanzerten Einheiten der regulären Armeen der arabischen Staaten“.

Wegen der knappen Zeit wurden alle jüdischen Einwohner aufgerufen, in die von den Briten geräumten Gebiete zu kommen und sie gegen die erwartete arabische Invasion zu befestigen. Tausende Juden, Religiöse wie Säkulare, meldeten sich freiwillig und gruben gemeinsam Verteidigungsgräben, füllten Sandsäcke und schichteten sie zu Befestigungen auf. Da die Arbeiten bis in den Schabbat hinein andauerten, wandte sich das Oberkommando der Haganah an das Oberrabbinat und erhielt die Erlaubnis, am Schabbat zu arbeiten.

David Shaltiel, Kommandeur der Haganah in Jerusalem, machte sich nachts auf, um die Frontlinien zu erkunden. In einem der Abschnitte traf er auf einen älteren Juden mit Bart, der mit großer Hingabe grub. Trotz der Dunkelheit erkannte er zu seiner Überraschung, dass es sich um den sephardischen Oberrabbiner, den Rischon le-Zion, Rabbiner Ben-Zion Usiel, handelte, der die Arbeit am Schabbat erlaubt hatte. „Rabbi“, sagte Shaltiel zu ihm, „glaubt der verehrte Oberrabbiner wirklich, dass wir die Stadt ohne seine Mühe nicht befestigen können?“ Der Rabbi antwortete: „Erstens beschleunigt jede Schaufel Erde, die ausgehoben wird, die Erlösung. Und zweitens möchte ich nicht, dass die religiöse Öffentlichkeit glaubt, man habe uns die Erlaubnis, am Schabbat zu arbeiten, etwa aufgezwungen. Ich möchte zeigen, dass diese Befestigungsarbeit keineswegs eine Entweihung des Schabbats, sondern vielmehr eine Heiligung des Schabbats ist.“

Jugend, Waisenschaft und Studium

Rabbiner Ben-Zion Usiel wurde 1880 in Jerusalem in eine bekannte Rabbinerfamilie hineingeboren. Sein Vater, Josef Rafael, war Vorsitzender des Rabbinatsgerichts der sephardischen Gemeinde in Jerusalem und Präsident des Gemeindekomitees. Später schrieb der Rabbi: „Von meinen ersten Tagen an war ich dazu bestimmt, der Öffentlichkeit zu dienen.“

Als er 13 Jahre alt war, rief sein Vater ihn zu sich und sagte, dass er womöglich nicht mehr bis zum Ende seines Bar-Mizwa-Jahres leben werde. Deshalb bat er ihn, noch in diesem Jahr zu heiraten, und so geschah es auch. Ben-Zion Usiel heiratete Rosa, die Tochter von Abraham Baruch und Enkelin von Rabbiner Chaim Nissim Baruch, dem Vorsitzenden des Rabbinatsgerichts von Jerusalem. Wie sein Vater vorausgesagt hatte, wurde Ben-Zion Usiel mit 14 Jahren zum Waisen, und die Verantwortung für den Lebensunterhalt der Familie fiel auf seine Schultern.

Es waren schwere Jahre für Rabbiner Usiel. Tagsüber verdiente er seinen Lebensunterhalt damit, Kinder zu unterrichten, und nachts studierte er selbst Tora und weltliche Fächer: „Die Tage meines Friedens und Glücks waren kurz. Als ich ins Erwachsenenalter kam, traf mich die Hand Gottes, als mir mein Vater und mein Beschützer genommen wurden. Da sagte ich mir: Ich bin verloren. Was soll ein Junge, einsam wie ein Busch in der Wüste, tun, um seinen Weg im Leben zu finden? Doch Gottes Gnade, des Vaters der Waisen, war größer als mein Leid ... So wurde der Tag für mich zur Arbeit und die Nacht zum Studium.“

Mit 20 Jahren wurde Rabbiner Usiel zum Leiter der Talmud-Tora-Schule „Tiferet Jerusalem“ ernannt und bewirkte dort eine Revolution. Er war überzeugt, dass man Jungen durch Achtung vor der Jugend erziehen müsse und nicht durch Schläge. Jede strenge Erziehung, die seiner Ansicht nach „Auflehnung hervorruft“, verbot er.

Von Jaffa zum Oberrabbinat

1911 baten die Einwohner von Jaffa die osmanischen Behörden darum, ihnen die Ernennung eines „Chacham Baschi“ zu gestatten - eines sephardischen Rabbiners für die jüdische Gemeinde in Jaffa. Das osmanische Gesetz bestimmte, dass nur ein osmanischer Untertan, der in dritter Generation im Land geboren war, als Chacham Baschi dienen durfte. Rabbiner Usiel erfüllte die osmanischen Kriterien und wurde mit 31 Jahren, mit Unterstützung von Rabbiner Kook, zum Chacham Baschi von Jaffa ernannt.

In seiner Antrittsrede offenbarte er seinen Wunsch, alle Gemeinden zu einer einzigen Gemeinde zu vereinen. Seiner Ansicht nach seien die Bräuche der Aschkenasim, der Jemeniten, der Sephardim und der übrigen Gemeinden eine Folge der Zersplitterung im Exil. Nun, da die Rückkehr der Exilierten begonnen habe und das Volk in seine Heimat zurückgekehrt sei, müsse man zu einem Haus, einer Familie und einem Brauch zurückfinden.

Während des britischen Mandats wurde der Rabbi oft dazu aufgerufen, die jüdische Gemeinde bei den Vereinten Nationen zu vertreten. 1946 trat er auch als einer der Hauptzeugen vor der angloamerikanischen Untersuchungskommission auf, deren Schlussfolgerungen den Weg für den UN-Beschluss zur Gründung eines jüdischen Staates ebneten. Mit seinem Auftreten und seiner Fairness beeindruckte Rabbiner Usiel selbst seine schärfsten Kritiker.

1921, nach zehn Jahren als Rabbiner von Jaffa, wurde Rabbiner Usiel zum Rabbiner von Saloniki ernannt. Zwei Jahre später kehrte er ins Land zurück und wurde Rabbiner von Tel Aviv. 1938, nach dem Tod von Rabbiner Jaakov Meir, wurde er zum sephardischen Oberrabbiner Israels ernannt (zum „Rischon le-Zion“).

Als die Vereinten Nationen das Ende des britischen Mandats und die Gründung des Staates verkündeten, war Ben-Zion Usiel bereits sephardischer Oberrabbiner (Rischon le-Zion) und rief junge Menschen dazu auf, sich zum Militärdienst zu melden: „Rückt aus! Die historische Erklärung, die von der Bühne der Völker der Welt verkündet wurde, um die politische Unabhängigkeit des Volkes Israel in einem Teil seines heiligen Landes anzuerkennen, hat rasch ihre Wirkung gezeigt: Geburtswehen voller Schmerz und drohender Gefahr ... Im Namen dieses heiligen Gebots wendet sich die höchste religiöse Institution des Judentums im Land an euch, junge Menschen Israels, und ruft: Rückt aus, um das Volk und seine Heiligen, das Land und seine Güter zu retten. Folgt in großer Zahl dem Einberufungsbefehl. Es ist ein Gebot des Lebens für euer Haus, das Haus Israel, für seinen Bestand, sein Wohlergehen und sein Glück im Land Israel. Folgt ihm!“ Später erklärte er auch die Einberufung der Kohanim zur Pflicht.

Als religiöser Führer, dessen Leben unter osmanischer Herrschaft begann, über die britische Herrschaft hinweg bis zur Gründung eines jüdischen Staates reichte, glaubte er, dass die Staatsgründung durch eine lenkende Hand ermöglicht worden war: „Denkt daran, schaut genau hin und wisst und glaubt, dass die Hand Gottes dies getan hat.“ Die Staatsgründung sei „der Beginn der Erlösung“.

Als der Unabhängigkeitstag zum Nationalfeiertag mit religiösem Charakter erklärt wurde, brauchte es eine anerkannte höchste halachische Autorität. Rabbiner Usiel erkannte die historische Bedeutung des Augenblicks und beschloss, eine halachische Grundlage für diesen besonderen Feiertag zu schaffen. Er schrieb: „Die grundlegende Wende, die Gottes Erbarmen mit uns zu unserer Rettung und Befreiung unserer Seele durch die Erklärung unserer Unabhängigkeit im Land bewirkt hat, verpflichtet uns, den Tag der Ausrufung des Staates Israel, den 5. Ijar eines jeden Jahres, für alle Generationen als einen Tag der Freude über den Beginn der Erlösung für das gesamte Volk Israel festzulegen und anzunehmen. Dieser Tag soll von den Trauerbräuchen während der Omer-Zählung ausgenommen werden, verbunden mit Anweisungen für Dankgebete und Ansprachen zum besonderen Anlass in den Synagogen beim Nachmittagsgebet.“ Der Rabbi war der Ansicht, dass an diesem Tag die Trauerbräuche, die in dieser Zeit üblich waren, ausgesetzt werden sollten. Zum Beispiel sollte man beim Schacharit- und Mincha-Gebet kein Tachanun sprechen und an diesem Tag keine Trauerreden halten. Rabbiner Shaul Yisraeli und der „Rabbinerrat des Hapoel Hamizrachi“ verfassten eine Gebetsordnung für den Unabhängigkeitstag und legten einen feierlichen, einheitlichen Wortlaut für die Gebete und Bräuche des Tages fest. Der Text wurde Rabbiner Usiel vorgelegt, der einige Änderungen daran vornahm und ihn genehmigte. Der Rabbi verfasste das Gebet zum Gedenken an die Gefallenen des Unabhängigkeitskrieges, das Gebet zum Gedenken an die Opfer der Schoa und das Gebet für das Wohl des Staates.

Einige Tage nach der Staatsgründung wandte sich der Rabbi in einem Brief an die muslimischen Führer im Land und weltweit. Er begann mit den Worten: „Brüder, erinnert euch doch an die friedlichen und freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen unseren beiden Völkern in den arabischen Ländern und den islamischen Staaten herrschten.“ Später schrieb er: „Lasst uns einen Friedensvertrag schließen.“ Sein Verhältnis zu den arabischen Bürgern Israels war von dem Grundsatz geprägt: „Lasst uns gemeinsam das Land aufblühen lassen und gemeinsam seinen Wohlstand genießen. Andernfalls wird die Heiligkeit des Landes euch aus ihm vertreiben.“

Seine Entscheidungen, seine Schüler, sein Erbe

Rabbiner Ben-Zion Usiel war mit seinen halachischen Entscheidungen ein Revolutionär. Unter anderem entschied er, dass Frauen wählen und gewählt werden sollten. Er schrieb: „Der Verstand kann es nicht akzeptieren, den Frauen dieses persönliche Recht abzusprechen ... Wie kann man den Spagat versuchen: ihnen die Pflicht zur Disziplin gegenüber den gewählten Vertretern des Volkes auferlegen und ihnen zugleich das Recht auf die Wahl verweigern? Und wenn man uns sagt, man müsse sie vom Kreis der Wähler ausschließen, weil ihr Urteilsvermögen schwach sei ... dann sagen wir ebenfalls: In diesem Fall müsste man auch jene Männer vom Kreis der Wähler ausschließen, deren Urteilsvermögen schwach ist und die es auf der Welt immer geben wird ... Dasselbe gilt für die Ernennung von Frauen zu öffentlichen Ämtern als gewählte Vertreterinnen.“

Der Rabbi entschied außerdem, dass ein Mann, der sich von seiner Frau scheiden lässt, weil sie ihm keine Kinder geboren hat, obwohl sich herausstellt, dass er selbst dafür verantwortlich ist, seiner Frau über die Ketuba hinaus eine Entschädigung zahlen muss. So formulierte er es: „Gerade weil es rechtlich nicht zulässig ist, die Frau zur Scheidung zu verpflichten, muss der Mann sie entschädigen, bis sie einwilligt.“

Gegenüber den Säkularen war er weniger nachsichtig. Er behauptete, sie hätten keinen Anteil an der kommenden Welt und dürften nicht zur Vervollständigung eines Minjan mitgezählt werden.

Während des Kampfes um hebräische Arbeit entschied er, dass es Pflicht sei, Juden zu beschäftigen - nicht aus besonderer Frömmigkeit, sondern aufgrund des Tora-Rechts. Auch wenn die Beschäftigung eines Juden mehr koste, müsse man ihn einstellen.

Der Rabbi besaß die Fähigkeit, Talente zu erkennen. Er erkannte das Potenzial von Rabbiner Eliezer Yehuda Waldenberg, dem Verfasser des „Tzitz Eliezer“, und ernannte ihn zum Leiter der von ihm gegründeten Jeschiwa „Shaarei Zion“ - einer sephardischen Jeschiwa, an deren Spitze ein aschkenasischer Rabbiner stand. Auch das Potenzial von Rabbiner Ovadia Yosef erkannte er. Schon 1940 erteilte er ihm die Rabbinerordination und schickte ihn ein Jahr später nach Ägypten, um dort als Rabbiner zu wirken. Es war die erste Rabbinerstelle von Rabbiner Ovadia, der damals erst 26 Jahre alt war.

Rabbiner Abuchatzeira sagte über ihn, wenn sie würdig gewesen wären, den Sanhedrin einzurichten, hätten sie Rabbiner Usiel an seine Spitze gestellt. Noch zu Lebzeiten bestimmte Rabbiner Usiel seinen Nachfolger, Rabbiner Yitzhak Nissim, den Vater des ehemaligen Knesset-Abgeordneten Moshe Nissim.

Am 24. Elul 5713, dem 04.09.1953, starb Rabbiner Ben-Zion Usiel bei Einbruch des Schabbats im Alter von 73 Jahren. In seinem Testament schrieb er: „Und nun, da ich mich von euch, meinen Brüdern und Schwestern, verabschiede ... um mit meinen Vätern und meinem Volk, die in Eden ruhen, vereint zu werden, danke ich von Herzen dem ganzen Volk und all seinen Menschen für die große und überaus hohe Ehre ..., mit der ihr mich zu Lebzeiten geehrt habt ... Bewahrt mit aller Kraft den Frieden des Volkes und den Frieden des Staates, und liebt Wahrheit und Frieden ... Beseitigt alle Ursachen von Spaltung und Streit aus unserer Gemeinschaft und unserem Staat und setzt an ihre Stelle alle Faktoren des Friedens und der Einheit unter uns. Dann wird unsere Gemeinschaft rein und heilig sein ...“

Straßen in mehreren Städten Israels sowie der Ort Beit Usiel sind nach Rabbiner Usiel benannt. Sein Bruder Nissim Usiel war Leiter der Anglo-Palestine Bank (später Bank Leumi) in Jaffa und im Süden von Tel Aviv, Präsident der Freimaurerloge „Moriah“ in der Stadt, Mitglied des Rotary Clubs in Jaffa und Mitglied der „Vereinigung der in Eretz Israel Geborenen“. Der Enkel von Rabbiner Ben-Zion Usiel ist der Journalist und Satiriker Meir Usiel.

Fotos dieser Geschichte: הרב בן-ציון מאיר חי עוזיאל
בית הכנסת המרכזי במושב בית עוזיאל, הקרוי על שם הרב עוזיאלצילום: Idobi, CC BY-SA 3.0, ויקישיתוף