Zwei Ortschaften, eine Universität, Grundschulen und Straßen in verschiedenen Städten tragen seinen Namen. Wer war Rabbiner Bar-Ilan ...?
Vom Studium zum öffentlichen Wirken
Woloschin (heute eine Kleinstadt in Belarus, unweit der litauischen Grenze) war im Laufe der Geschichte stets ein kleiner Ort, der ausschließlich durch die Jeschiwa Etz Chaim bekannt war, besser bekannt als die Jeschiwa von Woloschin. Sie war die erste Jeschiwa der Welt, die unabhängig und ohne Bindung an die örtliche Gemeinde betrieben wurde, und diente den litauischen Jeschiwot als Vorbild. Im Jahr 1880, dem Geburtsjahr von Rabbiner Meir Berlin, stand sein Vater, Rabbiner Naftali Zvi Yehuda Berlin (der Netziv), der Jeschiwa vor. Der junge Meir war sehr stolz auf seinen Vater. Von ihm lernte er Tora, von ihm hörte er von den Wundern des Landes Israel und von ihm übernahm er die Liebe zum Land. Ein Jahr nach seiner Bar Mizwa starb der Rabbiner, und tiefe Trauer legte sich über die Familie und den Ort. Nach der Trauerzeit setzte Meir Berlin seine Studien fort, zunächst bei dem Gaon Rabbiner Eliezer Gordon und später bei seinem Verwandten Rabbiner Chaim aus Brisk (Rabbiner Soloveitchik), der seinen halachischen Weg prägte. Seine Studien setzte er bei seinem Großvater, Rabbiner Yechiel Michel Halevi Epstein, dem Verfasser des Aruch ha-Schulchan, fort. Die Aufrichtigkeit und Bescheidenheit erbte er von seinem Vater, die Fähigkeit zu tiefgehender Analyse von Rabbiner Chaim Soloveitchik und die Ordnungsliebe und Gründlichkeit nahm er aus dem Aruch ha-Schulchan mit. All dies bereitete ihn auf sein öffentliches Wirken vor.
Im April 1903 erhielt Herzl von den Briten den Plan zur Ansiedlung der Juden in Kenia - einen Plan, der fälschlicherweise als Uganda-Plan bezeichnet wurde. Der Plan wurde im selben Jahr auf dem 6. Zionistischen Kongress erörtert. Auch auf dem 7. Kongress im Jahr 1905 stand er zur Debatte. Meir Berlin, der zum ersten Mal an einem Kongress teilnahm, stimmte dagegen, denn für ihn gab es nur einen Ort, an dem ein jüdischer Staat entstehen konnte: das Land Israel.
Obwohl die zionistische Bewegung als säkulare Bewegung entstanden war, gab es in ihr auch religiös-jüdische Sehnsüchte mit messianischer Färbung. Nicht wenige Juden, darunter Yehuda Alkalai und Zvi Hirsch Kalischer, versuchten, diesen Sehnsüchten eine nationale Prägung zu geben und wurden daher als Vorboten des Zionismus bezeichnet. Die zionistische Bewegung galt den Führern des jüdisch-religiösen Establishments in Europa jedoch als gefährliche Erscheinung. Mit der Gründung der Partei Mizrachi im Jahr 1902 wurde der erste Versuch unternommen, das traditionelle jüdische Verständnis von nationaler Identität mit der säkularen Auffassung zu verbinden. Zu den Parteiführern gehörten die Rabbiner Yitzchak Yaakov Reines, Yitzchak Nissenbaum, Moshe Avigdor Amiel, Yehuda Leib Fishman und Abraham Isaac HaCohen Kook. Später schloss sich auch Rabbiner Meir Berlin an. Mizrachi verstand sich als zwischen zwei Polen angesiedelt: zwischen dem säkularen Zionismus auf der einen und der antizionistischen Agudat Israel auf der anderen Seite.
Rabbiner Meir Berlin heiratete im Alter von 22 Jahren Beila, geborene Rabinowitz. Einige Jahre später zog das Paar nach Berlin, wo der Rabbiner die Zeitung HaIvri gründete, die als Medium zur Verbreitung religiös-nationaler Ideen diente und die Mizrachi-Bewegung unterstützte. 1912 wurde er zum Sekretär der Weltbewegung Mizrachi ernannt. Drei Jahre später zog das Ehepaar Berlin in die USA. Dort war der Rabbiner bis 1926 Präsident des Mizrachi-Verbands. Nach langem Abwägen wanderten sie ins Land Israel aus.
Nach seiner Ankunft wurde Rabbiner Berlin zum Leiter des Weltzentrums der Mizrachi-Bewegung ernannt. Außerdem war er stellvertretendes Mitglied des Provisorischen Staatsrats, aus dem später die Regierung Israels hervorging, und redigierte die Zeitung HaTzofe. Im Land lernte er Moshe Bar-Ilan (Birnbaum) kennen, einen der führenden Köpfe der Haganah. Ihm folgend änderte Rabbiner Berlin seinen Familiennamen und wurde zu Meir Bar-Ilan.
Die talmudische Enzyklopädie und sein Erbe
In den letzten sieben Jahren seines Lebens (1942-1949) wirkte Rabbiner Bar-Ilan an der Rettung der Überlebenden der Lager und des Krieges sowie am Kampf für die Gründung des Staates mit. Doch seinen letzten Kampf - den Kampf gegen die Gleichgültigkeit gegenüber seiner auf der Tora beruhenden Vision - führte er von seinem Privathaus in der Usishkin-Straße in Jerusalem aus. Manche bezeichneten diese Lebensphase als seine erneute Woloschin-Zeit, in der er sich wieder dem Torastudium widmete. Sein Leitspruch lautete: „Das Volk Israel ins Land Israel nach der Tora Israels.“ Er spiegelte die verschiedenen Phasen seines Lebens wider: In der ersten galt sein Wirken dem Volk - das war die Zeit des Zweiten Weltkriegs. In der nächsten widmete er sich dem Land Israel, und nun war die Zeit gekommen, sich mit der Tora Israels zu befassen.
Im Jahr 1942 erkannte Rabbiner Meir Bar-Ilan das Ausmaß der Katastrophe, die Hitlers „Endlösung“ mit sich brachte, und fasste den Entschluss, das geistige Erbe des jüdischen Volkes zu bewahren. So begann er das gewaltige Projekt, die Talmudische Enzyklopädie zu verfassen.
Das Neue an der Enzyklopädie war ihr umfassender Ansatz: Sie stellte nicht nur die maßgebliche Halacha dar, sondern führte auch alle Meinungen, Streitfragen und Auslegungen bis hin zur endgültigen Entscheidung aus. So entstand ein vollständiges Bild, das ein tiefes Verständnis der maßgeblichen Halacha vermittelte.
Rabbiner Bar-Ilan wusste, dass dieses gewaltige Vorhaben einen Herausgeber mit umfassendem Wissen erforderte, und wählte daher Rabbiner Shlomo Yosef Zevin aus. Rabbiner Zevin schreckte vor der Größe des Projekts zurück und bezweifelte, dass sich die Aufgabe bewältigen ließe. Rabbiner Bar-Ilan schrieb ihm, nur er könne sie erfüllen: „Wenn andere zögern und nicht daran glauben, so vertraue ich sogar anderen und insbesondere Eurer Hochwürden.“ Rabbiner Zevin antwortete ihm: „Ich halte dieses Vorhaben für groß, heilig, notwendig und durchaus möglich, wenn Eure Hochwürden mir jede Unterstützung gewähren, denn ohne sie wird nichts daraus.“ Damit wollte Rabbiner Zevin Bar-Ilan an die gemeinsame Verwirklichung des Enzyklopädieprojekts binden. Doch Rabbiner Bar-Ilan machte seinen Standpunkt deutlich: „Diese Sache, das heißt die Talmudische Enzyklopädie, für die ich mich verzehrt habe, der möchte ich, so Gott will, einen großen Teil meines Lebens widmen ... Was bedeutet es, wenn ein Mensch sein Leben und seine Kräfte weder um einer Belohnung noch um der Ehre willen, sondern um der Sache selbst willen einsetzt?“
Um die Enzyklopädie sowohl für Kenner der Tora und der Halachot als auch für Laien zugänglich zu machen, wurden zahlreiche Einträge erweitert. Der erste Band erschien 1947 und war ein überwältigender Erfolg; seine Bedeutung wurde weithin anerkannt. Rabbiner Bar-Ilan erlebte nur noch den ersten Band. 1949, als das Projekt beim zweiten Band angelangt war, gab er seine Seele seinem Schöpfer zurück. Der 44. Band der Enzyklopädie wurde 2020 veröffentlicht.
Die Bar-Ilan-Universität, der Moschaw Beit Meir im Jerusalemer Gebirge und der Moschaw Sde Ilan in Untergaliläa sind nach Rabbiner Bar-Ilan benannt. Auch Schulen und Straßen in verschiedenen Städten tragen seinen Namen.

Rabbiner Meir Bar-Ilan und seine Frau Beila hatten zwei Töchter und einen Sohn: Yehudit, die Professor Shaul Lieberman heiratete, Shulamit, die Professor Abraham Halkin heiratete, und ihren Sohn, Dr. Tuvia Bar-Ilan, der während des Unabhängigkeitskriegs zu den führenden Köpfen des Wissenschaftlichen Korps gehörte.






תגובות
עדיין אין תגובות.