Das deutsche Unternehmen „Leica“ erfand die kleine Kamera, wie wir sie heute kennen. Maßgeblich daran beteiligt war ein talentierter und einfühlsamer Geschäftsführer, der ein Team aus fähigen, engagierten und loyalen Mitarbeitern leitete, von denen die meisten Juden waren.
Ernst Leitz II
Der Weg zur Leica-Kamera
Ernst Leitz II wurde in Wetzlar in Deutschland in eine wohlhabende, fleißige deutsche protestantische Familie hineingeboren. Sein Vater, Ernst Leitz I, gründete das Unternehmen „Ernst Leitz“ zur Herstellung optischer Geräte. Ernst, der Sohn, spezialisierte sich auf Betriebswirtschaft und Feinmechanik und trat 1906 in das Familienunternehmen ein. Nach dem Tod seines Vaters wurde Ernst Leitz II Geschäftsführer des Unternehmens und war für die Entwicklung des Binokularmikroskops verantwortlich. Diese Entwicklung wurde ein kommerzieller Erfolg: In 23 Jahren verkaufte das Unternehmen rund 200.000 Mikroskope.
Am Ende des Ersten Weltkriegs befand sich Deutschland in einer tiefen Wirtschaftskrise und musste den Siegern enorme Reparationen zahlen. Die Entwicklung einer leichten Kamera hatte bereits vor dem Krieg begonnen, doch trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten beschloss Ernst Leitz, sie fortzusetzen: „Ich habe mich entschieden. Wir gehen das Risiko ein.“ Nicht wenige versuchten, ihn von diesem gefährlichen Abenteuer abzubringen. An seiner Seite arbeitete ein brillanter Ingenieur namens Oscar Barnack, der überzeugt war, alle Schwierigkeiten überwinden und die Entwicklung erfolgreich zum Abschluss bringen zu können.
Oscar Barnack war ein Fotoenthusiast, der an schwerem Asthma litt. Die Krankheit machte es ihm schwer, eine große Kamera zu tragen, und als Fotoenthusiast wollte er eine kleine Kamera entwickeln, die leichter zu handhaben wäre. Für Barnack war Leitz' Einladung, dem Entwicklungsteam beizutreten, ein wahr gewordener Traum. Bei der Entwicklung verwendete Barnack Kinofilm und legte ihn wie in einer Filmkamera horizontal ein. Das dritte Mitglied des erfolgreichen Teams war Professor Max Berek, ein auf Linsen spezialisierter Physiker.
Bereits 1914, am Vorabend des Ersten Weltkriegs, nahm Ernst Leitz II den ersten Prototyp mit nach New York und ließ ihn patentieren, obwohl noch weitere Entwicklungsarbeit nötig war, bis ein verkaufsfähiges Produkt entstand.
Das Risiko zahlte sich aus, und 1924 verkündete Ernst Leitz II stolz die erste Kompaktkamera der Welt, die den Namen „Leica“ erhielt. Bis 1933 wurden rund 100.000 Kameras verkauft, bis 1950 rund 500.000. Im Laufe der Jahre wurden rund 1,5 Millionen „Leica“-Kameras hergestellt. Bis heute setzt das Unternehmen den optischen Standard und gehört zu den weltweit führenden Kameraherstellern.
Die Erfindung machte Ernst Leitz II zu einem wohlhabenden und bekannten Mann. In seinem Haus waren Politiker und Berühmtheiten zu Gast. Zu den Besuchern zählten auch Theodor Heuss, der erste Präsident Deutschlands, der Arzt und Friedensnobelpreisträger Albert Schweitzer sowie die wegweisenden Fotografen Alfred Eisenstaedt und Henri Cartier-Bresson.
Ernst Leitz II war nicht nur ein Geschäftsführer mit Weitblick, der Risiken einschätzen und schwierige Entscheidungen treffen konnte, sondern auch ein Mensch mit großem Einfühlungsvermögen für seine Mitarbeiter. In einer Zeit, in der Arbeitnehmer nur wenige Rechte hatten, erhielten seine Mitarbeiter Renten, Krankheitsurlaub und Krankenversicherungen - Leistungen, die bereits unter seinem Vater eingeführt worden waren. Das Unternehmen schätzte seine Mitarbeiter und wählte hervorragende, talentierte Beschäftigte aus, die sich ihrerseits entschieden, bis zum Rentenalter dort zu arbeiten. Das Unternehmen vermittelte das Gefühl, eine große Familie mit einem gemeinsamen Ziel zu sein; mitunter traten auch die Kinder der Mitarbeiter in das Unternehmen ein. Die meisten Beschäftigten waren Juden, was damals keineswegs üblich war.
Die Rettung von Juden unter den Nazis
Als Hitler 1933 an die Macht kam, erkannte Ernst Leitz, was bevorstand, und beschloss, das größte Risiko seines Lebens einzugehen und Juden zu retten. Er rief ins Leben, was später als „Leica-Freiheitszug“ bekannt werden sollte. Er beschäftigte viele Juden als „Auslandsvertreter“. Jüdische Mitarbeiter des Unternehmens, Einzelhändler, die die Kamera verkauften, ihre Familienangehörigen und jüdische Freunde - sie alle schickte Leitz zu „Verkaufs- und Marketingaufgaben“ in die Büros des Unternehmens in Frankreich, Großbritannien, Hongkong und den USA.
Im November 1938, nach der Reichspogromnacht, verstärkte Leitz die Entsendung von Mitarbeitern in die Büros des Unternehmens in New York. Jeder, der dort ankam, trug das neue Zeichen der Freiheit um den Hals - eine Leica-Kamera. Außerdem stellte er jedem für den Lebensunterhalt einen Betrag in Höhe von drei Monatsgehältern sowie für die folgenden drei Monate jeweils ein halbes Monatsgehalt zur Verfügung, bis die Betreffenden in der amerikanischen Fotobranche Fuß gefasst hatten. Unter den Geretteten waren viele Designer, Techniker, Vertriebsmitarbeiter und Journalisten, die in der Presse und der Fotobranche beschäftigt wurden. Den Höhepunkt erreichte die Rettungsaktion in den Jahren 1938 und 1939: Alle paar Wochen schickte Leitz eine Gruppe Juden in die USA. Dieser Strom versiegte am 1. September 1939, als der Zweite Weltkrieg ausbrach und Deutschland seine Grenzen schloss. Bis dahin hatte Ernst Leitz II Hunderte Juden aus Deutschland geschleust, die meisten von ihnen in die USA.
Überraschenderweise trat Ernst Leitz II der NSDAP bei, äußerte aber weiterhin seine liberal-demokratischen Ansichten. Später erklärte er, er sei dazu gezwungen gewesen, um seine Mitarbeiter zu schützen und „die Verfahren gegen ihn zu verhindern“.
Unweit des Werks, das für die Bedürfnisse des NS-Militärs umgerüstet worden war, befand sich eine stillgelegte Eisenerzmine, die von 1842 bis 1928 in Betrieb gewesen war. Als die Bombenangriffe auf Deutschland begannen, wurden Hunderte ukrainische Frauen in die Stollen gebracht, wo sie Kameras und optische Systeme für das deutsche Militär herstellten.
Elsie Kühn-Leitz, die Tochter von Ernst, konnte das Elend der Zwangsarbeiterinnen nur schwer mitansehen und tat, was sie konnte, um ihre Lage zu verbessern. Während des Krieges versuchte Elsie, jüdische Frauen in die Schweiz zu schmuggeln. Einmal wurde sie sogar gefasst und unter Folter verhört, schließlich aber freigelassen. Als Alfred Türk, einer der leitenden Mitarbeiter von „Leica“, verhaftet und eingesperrt wurde, weil er vielen Juden geholfen hatte, erkaufte das Unternehmen seine Freilassung mit einem hohen Bestechungsgeld.
Die Gestapo wusste von den Aktivitäten Ernst Leitz' II, zog es jedoch vor, die Augen zu verschließen, denn das Werk war für die Kriegsanstrengungen unverzichtbar. Darüber hinaus brachte es enorme Summen ein, die Nazideutschland sehr zugutekamen.
Möglicherweise wäre die ganze Geschichte nie ans Licht gekommen, hätte nicht der Rabbiner Frank Daba Smith, ein gebürtiger Kalifornier, der in England lebte, so gründlich recherchiert. 2002 schrieb Rabbi Smith das Buch „Leica Freedom Train“, das von der American Society of Photographers veröffentlicht wurde. Die Familie Leitz wollte keinerlei öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Aktivitäten während des Krieges und stimmte der Veröffentlichung der Geschichte erst nach dem Tod von Ernst Leitz II zu.
Nach dem Krieg erhielt Elsie Kühn-Leitz 1965 einen Ehrentitel der französischen Akademie der Geisteswissenschaften sowie in den 1970er-Jahren eine Medaille der Europäischen Akademie. 2007 erhielt sie von der Anti-Defamation League den Preis „Courage to Care“. Bei der Preisverleihung sagte der Direktor der Liga, Abraham Foxman: „Unter erheblichem Risiko und im Widerspruch zur Politik der Nationalsozialisten ergriff Ernst Leitz mutige Maßnahmen, um seine jüdischen Mitarbeiter und andere vor Verfolgung zu bewahren. Wenn es nur mehr Oskar Schindlers und mehr Ernst Leitz gegeben hätte, wären weniger Juden gestorben.“
Der Vergleich mit Oskar Schindler, der in Polen 1.200 Juden rettete, ist treffend. Sowohl Schindler als auch Leitz retteten Juden, indem sie sie unter Einsatz des eigenen Lebens beschäftigten. Viele Jahre später brach Leitz' Sohn Günther das Schweigen seines Vaters und sagte: „Er tat, was er tat, weil er sich für seine Mitarbeiter, ihre Familien und seine Nachbarn in Wetzlar verantwortlich fühlte.“





תגובות
עדיין אין תגובות.