In einer Zeit, in der Zionismus und Pioniergeist mit der Urbarmachung des Landes verbunden waren, gab es auch einige zionistische Visionäre, die in der Industrie die Zukunft des noch nicht gegründeten Staates sahen.
Mosche Nowomejski Der geologische Bericht zur Erkundung des Toten Meeres, den Herzl bei Professor Max Blanckenhorn in Auftrag gegeben hatte, sollte geheim gehalten werden. Zugang zu dem Bericht hatten nur fünf Eingeweihte: Herzl, Otto Warburg, der damals dem „Büro für die Ansiedlung in Palästina“ vorstand, Leopold Kessler, ein in London lebender Bergbauingenieur, Dr. Chaim Weizmann, damals Dozent für Chemie an der Universität Genf, und Mosche Nowomejski, der als Einziger den Bericht wirklich in seiner Tiefe verstand. Nowomejski erkannte das enorme Potenzial der Mineralien im Toten Meer und wusste als Einziger, wie man sie gewinnen konnte. Nach der Lektüre des Berichts sah er bereits eine gewaltige Industrie vor seinem inneren Auge. Vor den großen Hindernissen schreckte er nicht zurück, denn schon damals hatte er auch Lösungen parat.
Die Reise ans Tote Meer
1919, etwa 14 Jahre nachdem Mosche Nowomejski den geheimen Bericht gesehen hatte, beschloss er, nach Palästina auszuwandern. Im Gepäck hatte er das Wissen und das Kapital, das er für die Verwirklichung seines Traums aufgebracht hatte: den Aufbau einer Mineralienindustrie am Toten Meer. Damals war das Tote Meer ein abgelegener, öder Ort, der wegen der Sicherheitslage und des Klimas gefährlich war. Mosche Langotzky, der später Nowomejskis rechte Hand werden sollte, schrieb: „Nowomejski und ich fuhren im Wagen der Chauffeurgesellschaft ‚Kadima‘ los. Wir kamen nach Jericho, gingen zur Polizeistation und meldeten dort, dass wir zum Meer fahren wollten. Stundenlang irrte der Wagen umher, doch das Meer fanden wir nicht. Der Fahrer hatte sich verirrt, und in der Abenddämmerung kehrten wir nach Jericho zurück [...]“. Am nächsten Tag brachen sie erneut auf und fanden das Tote Meer. Mosche Langotzky erzählte außerdem, dass er zwei Jahre lang allein Bodenuntersuchungen durchgeführt hatte: „Die Gegend, in der ich in völliger Einsamkeit lebte und arbeitete, war öde und wild. In den Bergen trieben sich Räuber und Herumtreiber herum ...“

Wurzeln in Sibirien
Mosche Nowomejski wurde 1873 in Bargusin als Sohn einer wohlhabenden Familie von Verbannten geboren. Seine Eltern, die ebenfalls in Bargusin geboren waren und mit 16 Jahren geheiratet hatten, begannen ihr Leben als Fischhändler und gründeten ein Transportunternehmen, das Waren zu den Bergwerken der Gegend brachte. Mit der Zeit entwickelte sich das Geschäft weiter, und gemeinsam mit russischen Partnern erwarben sie Bergbaugebiete in Sibirien. Im Elternhaus sprach man über Zionismus und Sozialismus, und schon als Kind kam Mosche durch die Verbannten mit revolutionären Ideen in Berührung. Schon damals war ihm klar, dass er später in das Bergbaugeschäft der Familie einsteigen würde. Mit elf Jahren begann er an einer technischen Schule zu lernen, deren Absolventen die „persönliche Ehrenbürgerschaft“ erhielten. Seine höhere Ausbildung absolvierte er an der „Königlich Preußischen Bergakademie“, wo er sich nicht nur für den Goldbergbau, sondern auch für die Gewinnung von Kalisalz interessierte. Der wissbegierige Mosche erweiterte sein Wissen zudem in Bakteriologie, Geologie und Philosophie an den Universitäten Berlin und Heidelberg. Nach viereinhalb Jahren erhielt er ein Diplom als Ingenieur für Metallurgie und Chemie. Während seines Studiums schloss er sich russischen revolutionären Verbannten an und begegnete zionistischen jüdischen Studenten, durch die er der nationalen Idee näherkam. Nach Abschluss des Studiums und nachdem er vom Militärdienst befreit worden war, kehrte er in seine Heimatstadt zurück. Nowomejski begann, die in seiner Umgebung vorhandenen Mineralien zu untersuchen, und erarbeitete Pläne zu ihrer Gewinnung. Im Jahr 1900 gründete er nahe dem Olga-See ein wegweisendes Werk zur Gewinnung und Raffination von Bittersalz. Schon nach kurzer Zeit belieferte es alle Glasfabriken Ostsibiriens mit Natriumsulfat. Der Erfolg machte ihm Mut, und 1907 gründete er ein weiteres Werk in Westsibirien.
Der Weg nach Eretz Israel
Drei Ereignisse führten den arbeitsamen jüdischen Industriellen aus dem eisigen Sibirien an den tiefsten Ort der Welt. Das erste war der Bau der Eisenbahnlinie von Sibirien nach Moskau im Jahr 1897. Sie verband die isolierte jüdische Gemeinde mit den kulturellen Zentren und brachte Mosche Nowomejski zu einem regen zionistischen Engagement. Mit 25 Jahren war er bereits in zionistischen Vereinen aktiv. Anfang 1903 nahm er an der ersten Konferenz der Zionisten Sibiriens teil und begann einen Briefwechsel mit Ben-Zion Mossinsohn, einem der führenden Zionisten in Russland, der später zu den Gründern Tel Avivs gehören und das Gymnasium leiten sollte.
Das zweite Ereignis war die Revolution gegen Zar Nikolaus II. im Jahr 1905, in deren Folge Mosche Nowomejski sieben Monate lang inhaftiert war. Nach seiner Freilassung zog er nach Berlin, weil ihm klar geworden war, dass Sibirien den Juden nicht wohlgesinnt sein würde. Als sich der Sturm gelegt hatte, kehrte er jedoch zurück und setzte dort seine zionistische Tätigkeit fort.
Das dritte und entscheidende Ereignis, das ihn zur Reise nach Palästina bewegte, war seine Teilnahme als Vertreter der Juden Sibiriens an den Zionistischen Kongressen. Dort begegnete Nowomejski den Pionierarbeitern des Landes und ihren Führern, darunter Jitzchak Ben Zwi und Josef Aharonowitsch.
Mosche Nowomejskis erster Besuch in Palästina fand im heißen Juni 1911 statt und hinterließ einen tiefen Eindruck auf ihn. Neun Jahre später schrieb er: „Der Anblick dieser uralten Stadt (Jaffa), die am Horizont auftauchte, bewegte mich sehr. Als ich die nahe Küste Palästinas, der Wiege des jüdischen Volkes, sah, wurde mein Herz von einer Welle der Gefühle und Kindheitserinnerungen fortgerissen. Doch nicht nationale Gefühle allein hatten mich bewegt, und auch nicht nur die Erwartung, mit dem Heiligen Land in Berührung zu kommen. Ein weiterer Grund für meine Ergriffenheit war, dass ich zum ersten Mal mit der alten Welt in Berührung kam, für die ich mich schon immer sehr interessiert hatte ... Ein in Sibirien geborener Mensch, der in die alten Länder Europas reist, etwa nach Großbritannien oder Frankreich, ist tief beeindruckt, wenn er Burgen, Gärten, Kirchen und Parlamentsgebäude sieht, die ihn Jahrhunderte zurückversetzen. Und nun stand ich kurz davor, das Tor eines Landes zu durchschreiten, dessen Geschichte nicht Jahrhunderte, sondern mehrere Jahrtausende umfasst.“
In Palästina traf er Arthur Ruppin, den Leiter des Palästinaamts in Jaffa, Salman David Levontin, den Direktor der Anglo-Palestine Bank, Jitzchak Ben Zwi, den späteren Staatspräsidenten, und weitere Persönlichkeiten. Nachdem Jerusalem ihn tief beeindruckt hatte, reiste er in Begleitung des Agronomen Aharon Aharonson aus Sichron Ja'akov zum Toten Meer hinab. Nachdem er Wasserproben aus dem Toten Meer gesammelt hatte, setzte er seine Reise nach Galiläa fort und schiffte sich nach drei Wochen wieder nach Sibirien ein.
Nach den Pogromen in der Ukraine, Polen und Galizien sowie den antisemitischen Erscheinungen in Sibirien verließ er Sibirien. Am 08.10.1920 traf er nach einer Reise über Shanghai und Ägypten in Tel Aviv ein. Mit 47 Jahren begann für ihn ein neues Kapitel: Er machte sich daran, das Kalisalzwerk am Toten Meer aufzubauen. Mosche Nowomejski kam mit Geld, Wissen und einem Plan für die Errichtung des Werks, doch seine erste Tätigkeit im Land galt der Unterstützung der Einwanderer. In Tel Aviv eröffnete er ein Büro zur Aufnahme jüdischer Einwanderer, die vor der bolschewistischen Revolution nach China geflohen waren und im Gegensatz zu ihm meist mittellos ankamen.
Die Gründung der Kalifabrik
Er erwarb von Ibrahim Hasbun, einem Einwohner Bethlehems, die Konzession der „Transport- und Schifffahrtsgesellschaft“. Hasbun besaß am nördlichen Toten Meer eine Werft, die sich in einer wirtschaftlichen Krise befand. Er wandte sich wegen eines Darlehens an die Briten, doch diese zogen es vor, dass Nowomejski selbst in die Tasche griff, und unterstützten ihn deshalb dabei, die Transportkonzession zu erhalten. Nowomejski knüpfte gute Beziehungen zu Herbert Samuel, dem britischen Hochkommissar in Palästina, und beantragte 1922 die Konzession zum Abbau von Mineralien am Toten Meer. Damals erfuhr er, dass Major Thomas Gregory Tulloch, ein schottischer Maschinenbauingenieur und Sprengstoffexperte im Dienst der britischen Regierung, bereits 1918 einen identischen Antrag gestellt hatte. Um ihre Kräfte zu bündeln, schlossen sich die beiden zusammen und erhielten im Mai 1929 die ersehnte Konzession. Nach ihrer Erteilung gründeten sie eine Aktiengesellschaft und ernannten Generalmajor Lord Lytton zum Vorsitzenden, nachdem General Allenby ihre Anfrage aus Altersgründen höflich abgelehnt hatte. Mosche Nowomejski wurde zum Geschäftsführer der Gesellschaft ernannt. Da die Konzession an die Aufbringung des Kapitals gebunden war, warben die beiden öffentlich um Kapital. Obwohl der größte Teil des Geldes von Juden stammte, galt die Gesellschaft als britisches Unternehmen.
Schon im ersten Jahr errichtete Nowomejski Verdunstungsbecken und einen Hochwasserdamm. Aus Deutschland kamen Teile für den Bau der Bromfabrik, und am Ende des Sommers desselben Jahres wurde der Standort der Kalisalzfabrik festgelegt. Nowomejski war der Erste, der versuchte, Kalisalz aus dem Meer zu gewinnen. Bis dahin wurde es nur durch den Abbau in Bergwerken gewonnen. In kurzer Zeit wurde das Werk zu einem wichtigen Arbeitgeber, sowohl in Palästina als auch in Transjordanien, und war das erste Werk in Palästina, das zugleich ein Pionierunternehmen des Landes und international ausgerichtet war.
Im Januar 1931 begann die Bromgewinnung, und einen Monat später wurden bereits fünf Tonnen Brom nach England exportiert. Im Februar 1932 wurde die erste Kalisalzlieferung nach England verschifft. Der Erfolg des Werks veranlasste Nowomejski, Gebiete im Süden des Toten Meeres zu erwerben, um das Werk zu vergrößern.
Der 1. Mai 1934, der Tag der Arbeit, war ein historischer Tag. Die Gruppe „HaHugim“, deren 27 Mitglieder der Kibbuzbewegung HaKibbuz HaMeuchad angehörten, brach mit dem Schiff vom Norden des Toten Meeres zu einem ausgewählten Standort im Süden auf. Vor der Abfahrt hielt Mosche Nowomejski eine Rede: „Wir haben uns heute hier versammelt, um einen neuen Abschnitt in der Geschichte unseres Werks zu beginnen - die Eroberung eines neuen Gebiets der Einöde. Wir sind gekommen, um euch zu begrüßen, die ihr zum anderen Ende des Toten Meeres aufbrecht, um den Grundstein für die neue Siedlung zu legen. Wenn ich euch heute an diesen Ort schicke, der in den Annalen der Menschheit in so düsteren Farben beschrieben wird, wünsche ich euch eine gute und erfolgreiche Reise und die Freude am Schaffen. Möget ihr euch bewusst sein, dass ihr dazu auserwählt wurdet, als Erste den Grundstein für eine neue Siedlung zu legen - am abgelegensten Ort in der Wüste Judäas.“ Drei Jahre lang wurde das Werk gebaut, und 1937 begann die südliche Fabrik mit der Bromproduktion. Der Zweite Weltkrieg ließ die Nachfrage nach Brom auf neue Höchststände steigen, da es zur Erhöhung der Oktanzahl des Treibstoffs verwendet wurde, der für die Fahrzeuge und Flugzeuge der britischen Armee unverzichtbar war. So gehörte die Palestine Potash Company in den Jahren 1938-1947 zu den sieben größten Kalisalzherstellern der Welt.
Die Entscheidung der UNO über die Teilung Palästinas im November 1947 bedeutete das Ende der Palestine Potash Company. Durch die Teilung lag das nördliche Werk im Gebiet des arabischen Staates. Nowomejski erkannte die Tragweite und legte dem Untersuchungsausschuss der UNO ein Memorandum vor, in dem er die Folgen der Entscheidung erläuterte, doch sein Versuch blieb erfolglos. Mosche Nowomejski und Abraham Rotenberg, der Bruder von Pinchas Rotenberg, dem Gründer der Elektrizitätsgesellschaft, versuchten, zwischen der Führung des Jischuw und den Jordaniern zu vermitteln. Die Kontakte führten zu einer Reihe von Treffen in Amman zwischen Golda Meir und König Abdullah. Bei den Treffen wurde vereinbart, dass die Jordanier im Kriegsfall weder das Kalisalzwerk am nördlichen Toten Meer noch das Kraftwerk in Naharajim angreifen würden. Doch die Jordanier hielten sich nicht an die Vereinbarung. Es war eine Täuschung, die darauf abzielte, die Haganah-Truppen aus den Werken herauszulocken. Im Mai drangen die Jordanier in die Werke ein und nahmen die Arbeiter gefangen.
Mosche Nowomejski wurde bei einem Autounfall schwer verletzt. Während er im Krankenhaus lag, wurde das nördliche Werk geräumt und zerstört, ebenso wie der Kibbuz Beit HaArava. Es war ein traumatisches Ereignis, und Mosche Nowomejski wurde für diese Niederlage verantwortlich gemacht. Den Höhepunkt bildete ein Brief, den er von Ben Gurion erhielt. Darin tadelte dieser ihn und erklärte, dass niemand befugt gewesen sei, das Werk aufzugeben, ungeachtet des UNO-Beschlusses und ungeachtet dessen, dass die Gebiete seiner Verantwortung unterstanden. Der fassungslose Nowomejski erinnerte Ben Gurion daran, dass die Anweisungen zur Räumung des nördlichen Werks direkt aus Tel Aviv gekommen waren und nichts mit ihm zu tun hatten.
Der zweite Schlag, der ihn traf, war die Entscheidung des im Oktober 1948 eingesetzten staatlichen Untersuchungsausschusses, dessen Ziel es war, „die mit der Nutzung des Toten Meeres verbundenen Fragen zu untersuchen“. Der Ausschuss kam zu dem Schluss, dass die Palestine Potash Company bei der Nutzung der Ressourcen des Toten Meeres versagt habe und unverzüglich verstaatlicht werden müsse. Die Regierung befürchtete, eine Verstaatlichung könnte künftige Investoren abschrecken. Deshalb beschloss sie Ende 1949, Mosche Nowomejski die Möglichkeit zu geben, das Kalisalzwerk wieder aufzubauen, und behielt sich das Recht vor, das Werk später zu verstaatlichen.
Da die drohende Verstaatlichung über dem Werk schwebte, war klar, dass Mosche Nowomejskis Versuche, Geld für den Wiederaufbau aufzubringen, scheitern würden. Im Oktober 1951 beschloss der Vorstand der Palestine Potash Company, ihr gesamtes Vermögen an die Regierung Israels zu übertragen. 1952 wurde eine neue staatliche Gesellschaft mit dem Namen „Dead Sea Works Ltd.“ gegründet, und 1955 wurde Mosche Nowomejski zum Ehrenpräsidenten des Werks ernannt.
Damals zeigte sich der Zionismus vor allem in der landwirtschaftlichen Arbeit. Nowomejski hingegen sah, ebenso wie Hecht von den Getreidesilos und Rotenberg vom Kraftwerk, gerade in der Entwicklung der Industrie einen Weg, den Zionismus zu verwirklichen - zum Wohl der jüdischen und arabischen Einwohner des Landes. Der beeindruckende Erfolg der Palestine Potash Company war in Wirklichkeit Mosche Nowomejskis Erfolg.
Mosche Nowomejski verbrachte seine letzten Jahre gebrochenen Herzens in einer kleinen Wohnung in Paris, verletzt und verbittert über die Behandlung, die ihm in seinen letzten Lebensjahren zuteilgeworden war. Er starb 1961 und wurde auf dem Trumpeldor-Friedhof in Tel Aviv beigesetzt.






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