Wir alle waren einmal „Schrulik“ - ein erfundener, Pioniergeist verkörpernder und unschuldiger Junge, dessen Schöpfer uns jahrelang mit bissigen Karikaturen geißelte.

Noch heute, viele Jahre nach der Staatsgründung, verbindet man die gezeichnete Figur „Schrulik“ - den israelischen Sabra mit Fischerhut, kurzen Hosen und biblischen Sandalen - mit dem Israeli von damals. Seine von Unschuld, Entschlossenheit und Kühnheit geprägte Figur verachtet Genuss- und Prunksucht, gibt sich mit wenig zufrieden und schätzt die Werte des schönen, guten Landes Israel, das gerade erst entstanden war. Damals kannte jeder Schrulik und verfolgte seine „Äußerungen“, wann immer er in der Presse erschien - doch nur wenige kannten seinen Schöpfer. Der Urheber dieser Figur war keineswegs ein Sabra, sondern ein ungarischer Einwanderer, der zu dem gehörte, was die Presse damals die „ungarische Mafia“ nannte. Zu ihr zählten Joseph „Tommy“ Lapid, Ephraim Kishon, Jakob Farkas („Ze’ev“) und Karol Kariel Gardosch („Dusch“), Schruliks Vater. Sie alle waren Einwanderer aus Ungarn, Journalisten, deren Texte von Humor durchdrungen waren und die sich vom ungarischen (konvertierten) Satiriker Frigyes Karinthy inspirieren ließen. Sie alle beeinflussten eine ganze Generation von Humoristen, Schriftstellern und Illustratoren, an deren Werken wir uns bis heute erfreuen.

Ungarn unter Horthy

Nach dem Ersten Weltkrieg befasste sich die ungarische Nationalversammlung mit der Frage der Monarchie und beschloss, es mit einer Art „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass“ zu versuchen. Sie entschied, Karl I., den Kaiser von Österreich aus dem Hause Habsburg, nicht aus seinem Exil in Österreich zurückzuholen, sondern ernannte stattdessen Admiral Miklós Horthy auf unbestimmte Zeit zum Reichsverweser. So wurde in einem Land ohne Meer der Admiral ohne Flotte zum Reichsverweser ohne König. Horthy war Antisemit, sah in Hitler einen Verbündeten und ließ gleich zu Beginn seiner Herrschaft Beschränkungen für Juden einführen. Ungarn schloss sich dem Achsenbündnis an, dem neben Deutschland auch Italien und Japan angehörten, und stellte sich damit gegen die Alliierten, zu denen 59 Staaten zählten, darunter die USA, einige südamerikanische Länder und die meisten europäischen Staaten.

Im April 1941 beteiligte sich Ungarn als Mitglied des Achsenbündnisses aktiv am Zweiten Weltkrieg. Den Höhepunkt bildete die Beteiligung an der deutschen Invasion Jugoslawiens, gemeinsam mit Bulgarien. Als Deutschland in die UdSSR einmarschierte, erklärte auch Ungarn an der Seite Deutschlands und Rumäniens der UdSSR den Krieg. Ein Jahr später begann Horthy einerseits, antijüdische Gesetze zu erlassen, andererseits wies er die Forderungen der Deutschen zurück, alle Juden in Lagern zu konzentrieren und zu ihrer Vernichtung ins besetzte Polen zu deportieren. Die Lage der Juden verschlechterte sich in diesen Jahren zunehmend. Einige von ihnen wurden zu Zwangsarbeit geschickt, die wegen der harten Bedingungen zahlreiche Opfer forderte. Als sich die Rote Armee den ungarischen Grenzen näherte, befürchtete Hitler, Horthy könnte die Seiten wechseln und sich den Sowjets anschließen. Deshalb marschierten die Deutschen im März 1944 in Ungarn ein. In den folgenden zehn Monaten wurde der größte Teil der ungarischen Judenheit in Auschwitz ermordet.

1942 wurde Karol Gardosch unter den von Admiral Horthy verhängten Zwangsmaßnahmen zur Zwangsarbeit geschickt. Nach der deutschen Invasion wurde Gardosch in einem Kupferbergwerk zur Arbeit eingesetzt, während seine Familie in ein Konzentrationslager gebracht und ermordet wurde. Im Oktober 1944 schlossen die Nazis das Bergwerk und trieben alle Arbeiter auf einem „Todesmarsch“ in Richtung Ungarn. Karols Arbeitsgruppe wurde im Dorf Cservenka nahe der ungarischen Grenze zusammengetrieben. Dort wurden alle bis auf ein Dutzend Überlebende ermordet, denen die Flucht aus der Todesschlucht gelang. Karol war unter ihnen. Er schloss sich den jugoslawischen Partisanen an und kämpfte an ihrer Seite bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Nach der Befreiung Ungarns kehrte Karol in seine Heimatstadt Szeged zurück, begann an der örtlichen Universität Französisch und Vergleichende Literaturwissenschaft zu studieren und arbeitete als Journalist.

Karol Gardoschs Kindheit

Karol Gardosch wurde 1921 in Budapest geboren. Seine Mutter Margit starb bei seiner Geburt, und sein Vater Sándor Alexander, der sich nur schwer um ihn kümmern konnte, gab ihn in die Obhut seiner verheirateten Schwester. Karol wuchs in einer Umgebung mit wenigen Juden in einem säkularen, assimilierten Haushalt auf, war sich aber seiner jüdischen Herkunft bewusst. Er war ein hervorragender Schüler und fiel schon auf dem Gymnasium durch seine vielseitigen Begabungen auf. Dort begann er gemeinsam mit seinem Sitznachbarn Tibor Klein zu zeichnen und zu schreiben. Klein änderte später seinen Namen in Kaján und wurde selbst ein bekannter ungarischer Karikaturist. Diese schöne Zeit endete mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Während seines Studiums in Szeged verliebte sich Karol in Shoshana (Susan), und die beiden heirateten. 1946 zogen sie nach Paris, wo Karol sich an der Sorbonne für Literatur und Philosophie einschrieb. Sie schlossen sich der Lechi an. Die Untergrundbewegung nutzte Karols Talent, und er begann, Karikaturen zu zeichnen, die nach Israel geschickt und in der Untergrundzeitung veröffentlicht wurden. Zwei Jahre später fuhren Karol und Susan mit dem Schiff ins Land und kamen am Vorabend des ersten israelischen Unabhängigkeitstags an. Zunächst wohnten sie bei dem Irgun-Aktivisten Jakob Meridor (später Knessetmitglied und Wirtschaftsminister). Später verschaffte ihnen die Lechi eine Zweizimmerwohnung, die sie mit einer weiteren Familie teilten.

Im September 1948 verübten Mitglieder der Lechi ein Attentat auf Graf Bernadotte. Viele Mitglieder der Untergrundbewegung wurden verhaftet, darunter auch Karol. Während seiner Haft zeichnete er das Emblem der Lechi an die Wände des Gefängnisses in Jaffa, unweit des Uhrturms.

Paris, Lechi und die Einwanderung

Karols erster Durchbruch kam etwa zwei Jahre nach seiner Einwanderung nach Israel. Er begann für die Zeitung „HaOlam HaZeh“ zu arbeiten, die von Uri Avnery herausgegeben wurde. Die Zeitung nahm die staatlichen Institutionen von links wie von rechts aufs Korn. Eines Tages legte ein Gegner der Zeitung einen Sprengsatz auf das Fenstersims der Redaktion, und Karol wurde verletzt. Für einen Rechten, der bei einer linken Zeitung arbeitete und von einer Bombe verletzt wurde, die vermutlich von einem Rechten gelegt worden war, war das eine komplizierte Situation. Uri Avnery schlug Karol vor, seinen Namen zu hebraisieren. Karol nahm den Namen Kariel und den Spitznamen „Dusch“ an.

Etwa ein Jahr nach seinem Arbeitsbeginn bei der Zeitung „HaOlam HaZeh“ wurde „Schrulik“, der Sabra, geboren. Wann immer man ihn fragte, wie Schrulik entstanden sei, antwortete er: „Politische Karikaturen beschäftigen sich mit Beziehungen, meist, aber nicht immer, mit den Beziehungen zwischen Nationen und Völkern. Dafür braucht es Symbole, Figuren, die diese Länder und Völker verkörpern. Damals musste eine Figur geschaffen werden, die das Volk und den Staat symbolisierte, und ich legte für mich fest, dass es ein Junge sein sollte. Natürlich ein israelischer Junge, gekleidet wie ein Israeli.“ Schrulik wurde zum Symbol des jungen Staates, ähnlich wie andere nationale Figuren, etwa Uncle Sam aus Amerika, der russische Bär und das Mädchen Marianne, die Heldin der Französischen Revolution.

Schrulik wuchs mit dem Staat auf. Im Laufe der Jahre wurde er größer, sein Gesicht länger, und im Sechstagekrieg zog er eine Uniform an. An die Stelle der Sandalen traten hohe Militärstiefel, die kurzen Hosen wurden durch Armeehosen ersetzt. Doch Schrulik blieb immer ein Junge, wie Dusch schrieb: „In der Anfangszeit unseres Bestehens war Schrulik ein unschuldiger kleiner Junge mit fragenden Augen. Mit der Zeit wurde er in seiner äußeren Erscheinung und seinem Verhalten zu einem Jugendlichen ... Er trug lange Hosen, und sein Lächeln wurde skeptisch. An diesem Punkt ließ ich ihn nicht weiter erwachsen werden. Ich war überzeugt, dass die Eigenschaften des Jugendalters den Charakter des Staates gut widerspiegeln, selbst wenn er zwanzig, dreißig oder vierzig Jahre alt sein würde. Unsicherheit, extreme Stimmungsschwankungen zwischen Verzweiflung und Begeisterung, das gleichzeitige Gefühl von Stärke und Schwäche, Identitätskrisen - all diese Charakterzüge bleiben unsere Erkennungszeichen ... Schrulik bleibt also in meinen Zeichnungen vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, mit allem, was dazugehört.“

Dusch wollte sich nicht als Karikaturist abstempeln lassen. So sagte er nach einer seiner Ausstellungen der Zeitung „Davar“: „Unsere Sprache unterscheidet nicht zwischen einer Karikatur im grotesken oder humoristischen Sinn des Wortes und einem Cartoon. Karikaturisten heben das Lächerliche in einem bestimmten Gesicht hervor: eine lange Nase und einen kleinen Körper. Ich versuche, all das zu vermeiden. Bei mir steht die Idee im Mittelpunkt, und die Zeichnung ist ein Mittel. Ich versuche, etwas zu schaffen, was man in den angelsächsischen Ländern ‚Editorial Cartoon‘ nennt, also einen gezeichneten Leitartikel. In dieser Hinsicht habe ich viel von den Propheten gelernt; sie zeichneten Allegorien. Schade, dass Jesaja mir mit seiner Beschreibung Ägyptens als Stütze aus geknicktem Schilfrohr zuvorgekommen ist.“ Über seinen Arbeitsprozess sagte er: „Es geht nicht um einen Geistesblitz, sondern um systematische Arbeit. Morgens lese ich Zeitungen, gehe auf die Straße, fahre in die Stadt, suche, konzentriere mich ... und dann habe ich das Thema des Tages gefunden, genauer gesagt das Thema von morgen. Ich gehe nach Hause und muss nun eine Entscheidung treffen: Betrachte ich mein Thema zustimmend, ablehnend oder spöttisch? Das ist wie das Lösen einer Gleichung mit einer oder zwei Unbekannten. Die gegebenen Größen sind das Thema und mein Verhältnis dazu. Ich habe auch etwas ‚auf der rechten Seite‘, denn das Ergebnis steht schon fest: die visuelle Formulierung des Themas. Auch hier verlasse ich mich nicht auf Inspiration, sondern benutze bewährte Formeln, wie in der Mathematik. Manchmal versuche ich, zwei Ereignisse miteinander zu verbinden, eines wichtig, das andere banal ... Eine andere bewährte Formel ist, einer Absurdität nachzugehen. Während der Zeit der Infiltranten zeichnete ich zum Beispiel ein Kino mit drei Kassen: eine Kasse für Bürger, eine für Soldaten und eine für Infiltranten ...“ Über seine Arbeitsweise sagte er: „Ich bin sehr auf Arbeitsdisziplin bedacht. Disziplin unterscheidet den Fachmann vom Amateur. Gerade meine gelungensten Arbeiten entstanden mit großer Mühe und viel Schweiß.“

Den Titel „wichtigster Karikaturist in der Geschichte des Staates“ verlieh ihm Tommy Lapid, nicht zuletzt wegen Schrulik. Lapid sagte: „Er hat die Figur geschaffen, die den Staat all die Jahre begleitet. So wie die Karikatur von Uncle Sam Amerika verkörpert, John Bull England und Marianne Frankreich, verkörpert Schrulik Israel. Allein das sichert ihm einen Platz in einer Art Pantheon unserer Geschichte.“ Außerdem fügte er hinzu: „Über Jahrzehnte hinweg hatte er auch einen sehr großen Einfluss auf die israelische Politik.“

Damals war „Ma’ariv“ die meistgelesene Zeitung, und Dusch erreichte ein großes Publikum. Seine Karikaturen wurden zum festen Bestandteil des kulturellen Erbes. Tommy Lapid erzählte: „Als Mensch war Dusch im umfassendsten europäischen Sinne des Wortes ein angenehmer und umgänglicher Mensch. Er kam als Erwachsener ins Land. Er war auch Schriftsteller. Aber er wurde Karikaturist, weil er sofort seinen Lebensunterhalt verdienen wollte, kein Hebräisch konnte und Zeichnen eine internationale Sprache ist.“

Lapid fügte ein interessantes Detail über das Werk hinzu: „Als Dusch begriff, dass Schrulik für eine kritische Zeit viel zu nett war, erfand er die beiden kleinen Raben in der Ecke der Karikatur. Sie sollten die unangenehmen Dinge sagen und Schrulik als netten Kerl erscheinen lassen.“ Der junge, liebenswerte und fröhliche Schrulik, den die Menschen so sehr mochten, war das Gegenbild des alten, umherwandernden Juden.

Schrulik und der Durchbruch bei Ma’ariv

Der Journalist und Publizist Azriel Carlebach, Gründer von „Ma’ariv“, erkannte Duschs enormes Talent. Er schlug Dusch vor, eine Kolumne zu übernehmen, in der täglich eine aktuelle Karikatur erscheinen sollte. So veröffentlichte Dusch 47 Jahre lang seine Tageskarikatur, und nicht wenige Leser kauften die Zeitung nur, um seinen Geistesblitz zu sehen. Der Star der Karikaturen war Schrulik.

Kein Karikaturist vor ihm hatte eine solche Wirkung erzielt. Seine Werke beschränkten sich nicht auf „Ma’ariv“. Sie erschienen regelmäßig auch in Zeitungen wie der englischsprachigen „Jerusalem Post“ und der ungarischsprachigen „Új Kelet“ sowie immer wieder in führenden internationalen Zeitungen.

Dusch zeichnete nicht nur Karikaturen, sondern schrieb auch Meinungsartikel und Sketche und veröffentlichte 13 Bücher: Karikaturensammlungen, Prosa und Essays. Er erhielt den Herzl-Preis, den Nordau-Preis und den Jabotinsky-Preis. In den Jahren 1977-1976 diente er bei der israelischen Polizei im Rang eines Sgan Nitzav und gehörte zu den Mitbegründern der Informationsabteilung der Zivilgarde, deren erster Leiter er war. Von 1981 bis 1983 war er Kulturattaché an der israelischen Botschaft in England. Nach seiner Rückkehr aus London gehörte er dem Vorstand und dem Plenum der Israelischen Rundfunkbehörde an.

„Schrulik“ wurde berühmt und warb als solcher auch für eine Reihe von Produkten. Er erschien auf Zigarettenschachteln, Hüten, T-Shirts und allerlei Souvenirs. Seine Figur wurde außerdem auf kleinen Statuen, Plakaten, Puppen, Aschenbechern, Tassen, Schlüsselanhängern, Postkarten und vielem mehr verewigt. Angesichts aktueller Ereignisse wird seine Figur auch heute noch verwendet.

Dusch engagierte sich im Gedenkverein der Lechi und half bei der Gestaltung des Museums der Bewegung im Beit Jair. Dusch und Shoshana hatten einen Sohn und eine Tochter. Ihre Tochter Daniela Gardosch-Santo war früher Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung von Channel One und ist die Ideengeberin des Buches „100 erste Lieder“. Ihr Vater erklärte sich bereit, es farbig zu illustrieren, obwohl seine Veröffentlichungen bis dahin schwarz-weiß gewesen waren. Dusch und Shoshana ließen sich scheiden, und 1964 heiratete Dusch die Schauspielerin Tova Pardo, mit der er bis zu seinem Tod zusammenlebte.

Dusch starb am 28. Februar 2000 im Alter von 79 Jahren und wurde auf dem Yarkon-Friedhof beigesetzt. Einige Städte benannten Straßen nach ihm, und seine Kinder richteten ihm zu Ehren eine Website ein. Außerdem vergibt die Stadtverwaltung von Tel Aviv-Jaffa jedes Jahr den Dusch-Preis für Karikatur.

Auch Schrulik wurde große Ehre zuteil. Im Jubiläumsjahr der israelischen Unabhängigkeit wurde die beliebte Figur ausgewählt, die offizielle Briefmarke des Staates zu schmücken. Einige Karikaturisten, darunter Shay Cherka und Uri Fink, zeichnen Schrulik bis heute weiter. Im Tel Aviver Viertel Florentin entstand eines der schönsten Graffiti-Bilder, das den jungen Schrulik zeigt.

Diese Erinnerungen zeichnen unsere Geschichte in einem einzigen Strich nach - von dort, wo wir herkamen, bis zu dem Ort, an dem wir heute stehen.